Tröstet, tröstet mein Volk

Datum: Sonntag, 11. Dezember 2022 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Jesaja 40,1-11

Mehrere Ebenen einer Prophetie

Am heutigen Predigttext (Jesaja 40,1-11) können wir gut sehen, wie biblische Prophetie oft mehrere Schichten hat. Diese Worte, die Jesaja im Auftrag von Gott geredet hat, die hatten zunächst einmal die Aufgabe, den Juden im Exil Trost zu spenden. Wie schon einige Jahrhunderte zuvor, zur Zeit des Mose in Ägypten, war das Volk Israel gefangen in einem fremden Land und musste dem fremden Herrscher dienen. Das war sehr schmerzlich für das Volk. Zumal jedem Juden, der die Bibel auch nur einigermassen kannte, bewusst war, dass dieses Mal das Volk seine missliche Lage durch Ungehorsam selber verschuldet hatte (vgl. u.a. Neh 1,5ff). Diesen Juden im Exil soll Jesaja verkünden, dass Gott sich sein Volk zurückholen wird. Wie damals aus Ägypten wird es sich sein Volk holen und ins verheissene Land bringen.
Dann ist es so weit. Die Babylonier werden durch die Perser besiegt und de neue Herrscher Kyros gibt einen Erlass heraus, indem der die Juden auffordert, zurück nach Jerusalem zu ziehen und dort den Tempel des Herrn wieder aufzubauen. Auch für diese Generation ist die Prophetie von Jesaja eine grosse Bestätigung: Gott tut, was er verheissen hat.

Rund 500 Jahre später wartet das Volk immer noch auf den Messias, den Erlöser. Und in diese Zeit hinein gibt Gott Johannes dem Täufer den Auftrag, dass er diese Botschaft aus dem Buch Jesaja neu verkünden soll. In Lukas 3,2b-6 heisst es:

Da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste. Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Busse zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja: «Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.»

Die alte Prophezeiung wird neu aktuell! Johannes ist nun diese Stimme, dieser Rufende. Und offensichtlich soll auch hier anklingen, dass der Weg der Umkehr und der Erneuerung, ja der Weg der Befreiung aus der Sklaverei durch die Wüste geht – wie damals bei Mose. Nur dass es dieses Mal nicht um eine Sklaverei durch ein fremdes, menschliches Volk geht, sondern um die Sklaverei der Sünde, wie Paulus später dann in seinen Briefen sehr deutlich ausführt.

Die Verheissung Gottes durch Jesaja

Doch schauen wir uns nochmals den Predigttext etwas genauer an, was wird da noch alles zur Situation gesagt?
Der Abschnitt beginnt mit der Aufforderung zu trösten. Das Wort meint allerdings nicht einfach ein «mit Worten vertrösten», sondern ein Eingreifen, durch das die schlimme Lage verändert wird! So wie Gott das Volk Israel tröstet, indem er es ins verheissene Land zurück führt, so tröstet er uns auch noch heute, indem er uns zu sich in sein Reich beruft.
In der Lutherbibel wird übersetzt: «Redet mit Jerusalem freundlich» (V2). Doch wörtlich heisste es «Redet zum Herzen Jerusalems». Nach dem jüdischen Menschenbild zur damaligen Zeit ist das Herz nicht primär der Sitz der Gefühle. Es ist also kein Appell an die Gefühle, sonder es ist der Sitzt des Willens eines Menschen. Das sehen wir z.B. in den Psalmen:

Er spricht in seinem Herzen: «Ich werde nimmermehr wanken.»
Psalm 10,6

Man könnte sagen, dem Volk soll Mut gemacht werden, damit es sich wieder aufrafft.

Die doppelte Strafe für alle seine Sünde, das ist ein juristischer Begriff. Nach 2. Mose 22,3.6.8 gilt bei Diebstahl oder Unterschlagung, dass der Schuldige zum Ausgleich das Doppelte zurückerstatten muss. Das bedeutet somit, dass das Volk die volle Strafe geleistet hat. Die Schuld dafür ist beglichen, dass es untreu geworden ist. Durch die Untreue hat das Volk Gott die Ehrerbietung, welche er verdient hat, unterschlagen.

In Babylon, wo sich das Volk ja zu der Zeit, für welche die Prophezeiung ursprünglich ausgesprochen worden war, immer noch befand, da wurden die Götterbilder der Babylonier in grossen Prozessionen durch die Strassen getragen. Die Menschen müssen also quasi ihre Götter herumtragen.

Der Gott Israels dagegen lässt eine Strasse bauen, um sein Volk zurück ins verheissene Land zurück zu führen (vgl. V10-11). Er selber holt sich sein Volk – nicht umgekehrt!

Und das wird alles Fleisch sehen. Das heisst, alle Menschen bzw. alle Völker werden das mitbekommen. Gott beweist seine Treue und Zuverlässigkeit dadurch, dass er dass, was er verheisst, dann auch vollbringt.

Ähnlich wie bei der Berufung von Jesaja in Jesaja 6 bekommt der Prophet wieder den Auftrag zu verkünden. Dieses Mal lautet die Botschaft, dass diese Erde und damit auch unser Leben hier ist vergänglich ist. Wie das Gras und die Blumen werden wir alle verwelken. Das gilt für die Heiden genauso, wie für die Juden (das Volk). Das, was dagegen ewig bleibt, das ist Gottes Wort. Und damit also auch seine Verheissungen!

Die Strafe ist vorbei. Deshalb führt Gott das Volk Israel wiederum aus der Gefangenschaft, wie schon damals aus Ägypten. Er bringt sein Volk ins verheissene Land.

Am Schluss unseres Predigttextes finden wir das Bild vom guten Hirten, wie wir es auch aus Psalm 23 oder Hesekiel 34 kennen und wie es Jesus im Neuen Testament dann auf sich bezieht.
Er wird seine Herde weiden. Die noch verletzlichen Lämmer nimmt er auf den Arm. Der «Bausch» bildet sich im Obergewand oberhalb des Gürtels, quasi wie eine grosse Brusttasche. Bei den damaligen Kleidern passte da gut ein junges Lamm hinein.
Das hebräische Wort, das mit «führen» übersetzt wird, besagt, dass dieser Hirt die säugenden Mutterschafe nicht antreibt, sondern sie sorgfältig und behutsam leitet.

Erfüllung durch Johannes …

Und nun wird also rund 500 Jahre später Johannes mit dem Beinamen «der Täufer» von Gott berufen. In Lukas 3 heisst es schlicht:

«Da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste.»
(Lukas 3,2, Luth17)

Diese Wendung: «Das Wort geschah …» ist eine typisch prophetische Wendung. Bei den grossen Propheten des Alten Testamentes finden wir diese Wort oft: Bei Samuel, Nathan, Elia, Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Sacharia. Bei Lukas lesen wir in den Kapiteln zuvor, dass Gott durch seinen Engel zu Zacharias geredet hat und zu Maria und später zu den Hirten auf dem Feld. Da redet Gott mit den Menschen. Aber an keiner dieser Stellen heisst es «Da geschah das Wort …». Johannes der Täufer ist die einzige Person im Neuen Testament, wo diese typische Propheten-Anrede vorkommt. Es soll also klar herausstechen: Johannes der Täufer ist ein Prophet – und zwar nicht irgend einer, sondern der verheissene Prophet, welcher dem Kommen des Messias vorausgeht (vgl Mal 3,1).

Johannes ist ein Wegbereiter. Seine Aufgabe besteht darin, den Weg vorzubereiten. Durch seinen Ruf zur Umkehr will er die Menschen vorbereiten auf den, der da kommt. Dabei nimmt er sich selber zurück.

«Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.
» Johannes 3,30 (Luth17)

Johannes ist auch ein Wegweiser: Er weist hin auf Jesus, den einzig richtigen Weg. Matthias Grünewald hat dies in Gemälde auf dem Isenheimer Altar sehr eindrücklich dargestellt. Auf den ersten Blick ist es etwas verwirrend, denn da steht Johannes der Täufer neben dem gekreuzigten Jesus. Dabei weiss der aufmerksame Bibelleser, dass Johannes schon vor Jesu Kreuzigung selber hingerichtet worden ist (Mt 14,3-12). Er kann also unmöglich bei der Kreuzigung Jesu dabei gewesen sein. Ausserdem ist zu Füssen von Johannes dem Täufer ein Lamm gemalt, das ein Kreuz trägt und aus dessen Leib Blut in einen Kelch fliesst. Über den Arm mit dem ausgestreckten Zeigefinger steht auf lateinisch die eben erwähnte Bibelstelle: «Jener muss wachsen, ich aber kleiner werden.» (Joh 3,30)

 

Was will Grünewald damit ausdrücken? Johannes ist derjenige, der auf Jesus hinweist, der den Menschen aufzeigt, wer Jesus ist. Der Auftrag von Johannes ist es auf «das Lamm, das geopfert wird» hinzuweisen. Man kann den Auftrag von Johannes kurz mit den Worten zusammenfassen: «Jesus erkennen, offenbaren und auf ihn hinweisen.» Und genau das hat Johannes getan. Dadurch hat er Jesaja 40 unübertrefflich erfüllt: Es gibt keinen besseren und grösseren Trost für das Volk Israel und für alle Völker auf dieser Erde, als Jesus Christus!

… und durch uns

Ich bin überzeugt, dass Johannes der Täufer auch für uns heute ein Vorbild ist. Denn letztlich ist genau das der Auftrag von jedem Nachfolger von Jesus Christus: Trost in diese oft dunkle Welt zu bringen, indem er selber Jesus Christus immer besser erkennt und andere auf ihn hinweist.

Manchmal fragt man sich ja: Macht mein Leben überhaupt Sinn? Lohnt es sich, dass ich mich durch dieses oft mühsame Leben kämpfe? Darauf gibt uns Johannes der Täufer eine einfache Antwort: Wenn durch dein Leben andere Menschen auf Jesus hingewiesen werden, wenn sie dadurch die Möglichkeit haben, selber zu Nachfolger von Jesus zu werden und damit für ewig erlöst und gerettet zu sein, dann lohnt es sich definitiv!

Amen.

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