Die dargebotene Hand

Datum: Sonntag, 27. März 2022 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Lukas 10,25-37
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Heute möchte ich einen Blick werfen auf die Geschichte vom barmherziger Samariter. Sie steht in Lukas 10,25-37.

Der Samariter

Schauen wir uns zunächst mal an, was der Samariter in der Beispielgeschichte getan hat. Jesus erzählt diese Geschichte ja als ein Beispiel für Nächstenliebe. Der Samariter hilft gleich auch mehreren Ebenen. Zunächst einmal packt er selber an und hilft dem Mann, welcher überfallen und übel zugerichtet wurde. Dieser Mann muss schlimm ausgesehen haben. Ohne sein Obergewand lag er halb tot am Wegrand. Ohne Schutz vor der Sonne. So trifft ihn der Samariter an und er hilft, soweit er kann, mit den Mitteln, die er zur Verfügung hat. Mit seinem eigenen Wein und Öl reinigt er die Wunden und verbindet sie. Er leistet Erste Hilfe. Doch er kennt seine Grenzen. Er weiss, dass er nicht die ganze Hilfe, welche dieser Mann braucht, selber leisten kann. Er hat Verpflichtungen, ist schliesslich nicht zum Spass unterwegs. Er hilft also soweit er kann, aber zugleich behält er seine eigentliche Aufgabe im Blick. Und so übergibt er den Patienten an einen «Fachmann». Der Wirt in der Herberge ist zwar wohl kein Arzt, aber er ist immerhin ein Fachmann im Beherbergen von Menschen. Der Samariter bezieht also andere in die Hilfe mit ein und überträgt einen Teil der Verantwortung. Und das lässt er sich auch etwas kosten. Die Kosten für die Herberge und die Pflege durch den Wirt übernimmt der Samariter aus seiner eigenen Tasche.

Der Gesetzeslehrer

Auf den Priester und den Levit, die an dem halbtoten Mann einfach vorbei gehen, möchte ich nicht gross eingehen. Sie kamen vermutlich von Jerusalem, wo sie ihren Dienst am Tempel hatten, und wollten nach Hause zu ihrer Familie. Für beide war es offenbar wichtiger, möglichst schnell nach Hause zu kommen und sich die Hände nicht schmutzig zu machen, als zu helfen.
Ich möchte stattdessen einen Blick auf den Gesetzteslehrer werfen, der Jesus anspricht und ihn auf die Probe stellen will. Auf seine Frage nach dem ewigen Leben antwortet Jesus mit einer Gegenfrage: Was steht denn im Gesetz – also in den fünf Büchern Mose – geschrieben?
Diese Frage kann der Gesetzeslehrer ohne zu zögern richtig beantworten. In der Theorie weiss er, was richtig ist. Er nennt das sogenannte Doppelgebot der Liebe: Als Gläubige Menschen sollen wir zum einen Gott lieben, und zwar mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. Damit ist das ganze Leben gemeint, der ganze Mensch, mit ganzer Hingabe – also ungeteilt. Und wir sollen Gott mit unserer ganzen Kraft und mit unserem ganzen Verstand lieben. Wir könnten also sagen, wir sollen ganzheitlich lieben, oder wie Pestalozzi es gesagt hat: Mit Kopf, Hand und Herz.
Und zum anderen sollen wir auch unseren Nächsten lieben. Der Massstab dafür ist: Wir sollen so lieben, wie wir uns auch selber lieben. Spannend an der Stelle finde ich, dass die Liebe zu uns selber hier nicht geboten, sondern vorausgesetzt wird. Wer sich selber nicht liebt, der kann offenbar auch seinen Nächsten nicht wirklich lieben.
Jesus stimmt der Antwort das Gesetzteslehrers voll und ganz zu: «Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.»
Doch der Gesetzeslehrer wollte ja Jesus auf die Probe stellen und nicht selber geprüft werden. So will er sich rechtfertigen mit der Frage: «Wer ist denn mein Nächster?»
Diese Frage hat die Theologen in Israel schon seit Jahrhunderten bewegt. Mit der Zeit hat man sie immer enger ausgelegt. Im Alten Testament werden mit «der Nächste» Angehörige des eigenen Volkes bezeichnet (3Mo 19,13.16-18), aber eben ausdrücklich auch jeder Fremde, der in den Dörfern oder Städten mit den Israeliten zusammenlebt (3Mo 19,33-34). Der Nächste war also ursprünglich der «Nachbar», einfach der «Mitmensch». Doch zur Zeit von Jesus war der Begriff stark eingeschränkt worden und bedeutete in der Praxis nur noch so viel wie der «Glaubens-» oder «Gesinnungsgenosse», quasi der «Parteifreund». Mit der Beispielgeschichte weitet Jesus den Begriff jedoch auf bisher unbekannte Weise aus. Nicht nur der (einheimische oder fremde) Nachbar und Mitmensch kann gemeint sein, sondern sogar der völlig Fremde, der in dem Moment auf meine Hilfe angewiesen ist.
Hinter der Frage «Wer ist mein Nächster?» steckt die Frage: Für wen bin ich verantwortlich? Um wen muss ich mich kümmern und wen kann ich links liegen lassen?
Doch Jesus dreht erneut den Spiess um. Am Anfang stand die Frage «Wer ist mein Nächster?» also die Frage nach der Pflicht. Doch am Schluss der Geschichte stellt Jesus die Frage anders. Er fragt nun: «Wer ist für den Elenden der Nächste geworden?» Anders gesagt: Wer hat sich wie ein Nächster verhalten? Es geht also nicht mehr um die Pflicht, sondern um die Frage: «Wem kann ich einen Dienst erweisen? Wem kann ich ein Nächster sein?»
Das passt zur Massangabe im Doppelgebot der Liebe, wo es ja heisst «… wie dich selbst». Also: Wie würdest du den anderen lieben, wenn dieser andere du selbst wärst? Oder auf den Verwundeten bezogen lautet die Frage nicht mehr: Muss ich dem helfen? Ist der wirklich mein Nächster? Sondern nun lautet die Frage: Wenn ich selber dieser Verwundete wäre, wie möchte ich dann, dass mir geholfen wird?

Flüchtlinge

Aktuell bewegt uns der Krieg in der Ukraine. Und deshalb möchte ich heute speziell darauf eingehen. Aber ich bin mir sehr bewusst, dass dies bei weitem nicht die einzige Situation ist, wo Nächstenliebe gefragt ist!
In unserem Alltag gibt es jede Menge weitere Beispiele. Und ich weiss, dass viele von uns an unterschiedlichsten Orten ganz aktiv Nächstenliebe leben – ihre Hand «darbieten» zur Hilfe. Sei es in der Nachbarschaft, sei es indem sie Angehörige pflegen oder unterstützen, sei es dass sie sich in der Gemeinde und darüber hinaus engagieren mit Besuchen, Telefonieren, praktischen Handreichungen und noch so viel mehr! Das ist mir voll bewusst und das schätze ich sehr! Und wenn ich nun das Thema «Flüchtlinge aus der Ukraine» aufgreife, dann soll das keine Kritik sein, an dem, was wir alle sonst leisten! Es soll einfach ein praktisches und aktuelles Beispiel sein für die Frage: Wenn ich selber dieser Verwundete wäre, wie möchte ich dann, dass mir geholfen wird?
Beim Vorbereiten dieser Predigt habe ich micin Bezug auf die Flüchtlinge aus der Ukraine gefragt: Wie würde ich gerne behandelt werden, wenn ich in ein fremdes Land fliehen müsste? Und handle ich nun so?
Ich muss zugeben, mir geht die aktuelle Situation in der Ukraine sehr viel näher, als vor ein paar Jahren in Syrien oder Afghanistan. Das liegt zum einen sicher auch daran, dass ich schon selber in der Ukraine war und durch Licht im Osten ein Kontakt da ist.
Schon in meiner letzten Predigt bin ich kurz auf «kirchen-helfen.ch» eingegangen. Diese Aktion wurde von Peti und Paul Bruderer, Pastor der Chrischona Frauenfeld, gestartet. Die Chrischona Frauenfeld hat schon länger eine Partnergemeinde in der Ukraine. Und das hat dazu geführt, dass sie sehr schnell bereit waren zu helfen und dass auch sehr schnell dann Flüchtlinge aus dem Umfeld dieser Gemeinde nach Frauenfeld kamen. Eine Woche nach deren Eintreffen hat Paul dann ein Interview gegeben. Der ganze Beitrag würde etwa eine halbe Stunde dauern. Er ist im Netz zu finden: bit.ly/Ukraine-Interview
Ich zeige euch hier ein paar berührende Ausschnitte daraus.

Wie helfen wir?

Etwas vom schlimmsten in Bezug auf den Krieg in der Ukraine finde ich das Gefühl der Ohnmacht – wenn ich denke, dass ich doch gar nichts bewegen kann. Doch das stimmt so nicht. Wir haben durchaus Möglichkeiten.
Da ist zunächst mal das Gebet. Das kann das ganz persönliche Gebet in meiner eigenen Stillen Zeit sein. Aber auch das gemeinsame Gebet am Dienstagabend um 19:30 hier in der Gemeinde.
Dann kann man auch unsere Partner wie «Licht im Osten» bei ihrer Arbeit unterstützen. Infos dazu findet man auf den Webseiten von LIO: www.lio.ch.
Und schliesslich kann man sich für Flüchtlinge, die hier in der Schweiz angekommen sind, einsetzen. Hier sind Sachspenden wie z.B. Kleider oder Bettwäsche hilfreich. So gibt es z.B. den «Offenen Kleiderschrank» der ref. und kath. Kirche Sursee, wo Flüchtlinge (aber auch andere armutsbetroffene Menschen) unterstütz werden.
Oder man kann, wenn man über die entsprechenden Ressourcen verfügt, auch Plätze für Flüchtlinge anbieten. Wer sich das überlegt, dem kann ich die Aktion kirchen-helfen.ch empfehlen. Sie arbeiten eng mit Licht im Osten zusammen. Und sie konzentrieren sich auf Flüchtlinge aus dem Umfeld der Kirchen und Gemeinden mit denen sie in Kontakt stehen. Und da spielt jetzt eben wieder dieser Gedanke eine Rolle, was würde ich mir wünschen, wenn ich fliehen müsste? Ich denke, ich wäre froh über jede Hilfe. Aber besonders froh wäre ich über Kontakt zu anderen Christen in dem fremden Land.
Mich bewegt aber noch ein anderer Gedanke. Die Flüchtlinge brauchen auch eine Tagesstruktur, Sprachkurse, Aufgaben, Orte wo Begegnungen stattfinden können, wo sie Landsleute aber auch Einheimische treffen können. Da sind Ideen gesucht. Wenn wir sehen, wie viele Menschen aus der Ukraine geflüchtet sind, dann müssen wir damit rechnen, dass noch sehr viel mehr Menschen in die Schweiz kommen werden. Und es ist – leider – wohl auch nicht damit zu rechnen, dass es bald Frieden gibt und die Geflüchteten schnell wieder zurück in ihre teil zerstörte Heimat können.
Diese Herausforderung wird vermutlich eher ein Marathonlauf als ein Sprint. Aber es ist auch eine Chance ganz praktisch zu übern, was es heisst: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.»

Amen.

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