Weihnachten: Die ganze Geschichte

Datum: Sonntag, 29. November 2020 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Sacharja 9,9b

In der Zeit von 1886 bis 1900 Thomas Mann sein wohl bekanntestes Buch, den Roman «Die Buddenbrooks“ geschrieben. Der ist über 700 Seiten lang, hat 11 Teile und rund 100 Kapitel. Er handelt vom Leben und Verfall einer Unternehmerfamilie im norddeutschen Grossbürgertum.

Wenn ich uns aus dem sechsten Teil den Anfang des neunten Kapitels lese, dann wäre das unglaublich spannend, nicht war? Vor allem, weil man ja weiss, welche Nachricht aus Rostock kam und was diese Nachricht für Thomas Buddenbrock bedeutet. Oder?

Ganz ehrlich, so geht es sehr vielen Menschen, wenn sie die Bibel lesen. Sie können das, was sie lesen, schwer einordnen, weil ihnen der Zusammenhang fehlt. Jede Story lebt davon, dass ihre ganze Geschichte erzählt wird! Und darum wollen auch wir die ganze Geschichte von Weihnachten erzählen. Sie wurde nämlich extrem reduziert!

Die Weihnachtsgeschichte ist eigentlich eine riesen Geschichte! Aber sie wurde von einer Story mit 1189 Kapiteln in 66 Büchern der Bibel und einer Entstehungszeit von mehreren tausend Jahren auf wenige, einzelne Sätze und Worte reduziert. Und dabei sind viele Informationen auf der Strecke geblieben. 

Deshalb wollen wir uns auf den Weg machen und diese Geschichte in den nächsten Wochen von Anfang bis zum Ende erzählen. Wir möchten zurück gehen an den Ursprung. Viele denken jetzt an «Es begab sich aber zu der Zeit …» und man denkt an die Krippe im Stall von Bethlehem. Doch das ist nicht der Anfang. Wir wollen ganz an den Anfang gehen.

Der Anfang 

Es geht um den Anfang der Menschheitsgeschichte. Auf der ersten Seiten der Bibel wird Gott als der Schöpfer des Universums und des Lebens beschrieben. Und alles, was er geschaffen hat, war sehr gut. Alles war am richtigen Platz und lebte in vollständiger Harmonie miteinander Wie im Paradies, würden wir heute sagen. Und so sagten die Menschen schon vor 3000 Jahren dazu.

Es gab einen Schöpfer, eine Schöpfung und uns Menschen. Die Schöpfung war der Lebensraum aller Erdbewohner. Alle hatten ihren Platz und jeder hatte seine Aufgabe und seine Bestimmung in Gottes Schöpfung. Alles war gut, wirklich sehr gut.

Die Menschen lebten im Einklang mit unserem Schöpfer und mit der Schöpfung.Es war «Frieden auf Erden». Der Frieden auf Erden, genau, der in der Weihnachtsgeschichte erwähnt wird. Das war quais die erste und die zweite Folge von Staffel 1. 

Eigentlich eine spannende Story, mit vielen weiteren interessanten Folgen. Doch leider haben wir Menschen es schon in Folge 3 ordentlich «vermasselt». Doch dazu später mehr. 

Das Ende 

Gehen wir doch zuerst mal an das Ende. Bei Serien oder auch bei einem spannenden Buch sollte man das ja eigentlich nie machen, schon gleich nach dem Anfang zum Ende gehen. Das kann die ganze Spannung verderben. 

Aber wir tun es jetzt trotzdem und schauen mal kurz in die letzte «Staffel» rein, in die Offenbarung, das letzte Buch der Bibel. Und was lesen wir da? Am Ende wird auch wieder «Frieden auf Erden» sein. Das Ende hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Anfang! Da heisst es:

  • «Er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und Gott selbst wird bei ihnen sein. Er wird alle ihre Tränen abwischen, und es wird keinen Tod und keine Trauer und kein Weinen und keinen Schmerz mehr geben.» Offenbarung 21, 3b-4a 

So wie der Anfang wird also auch das Ende sein. Gott wird wieder bei den Menschen wohnen. Und der Friede auf Erden wird wieder vollständig hergestellt werden. Das wird himmlisch, auf dieser erneuerten Erde!

Doch eine Frage stellt sich jetzt: Wenn alles so gut angefangen hat und am Ende auch alles so gut aufhört, warum fühlt sich dann vieles gar nicht so gut an hier und jetzt? Was ist schief gegangen?

Der Fall

Jetzt kommt die «Folge 3 in der ersten Staffel» – das ist die mit dem «Apfel» – wobei in der Bibel gar nichts von einem Apfel steht, nur von einer Frucht. Die meisten kennen sie als die Geschichte von Adam und Eva. Sie ist schnell erzählt und beinhaltet eine tiefe Wahrheit über Gott, die Schöpfung und seine Geschöpfe. Gott schuf den Menschen zu seinem Gegenüber. Mann und Frau sind sozusagen eine Art Abbildung von Gott. Daraus leitet sich eine unglaubliche Würde ab. Eine Würde, die unsere Verfassung als unantastbar bezeichnet! Wie genial ist das denn?

Gott hat so viel Respekt vor seinen Geschöpfen, dass er sie nicht zu Marionetten gemacht hat. Darum hat er ihnen eine Wahlmöglichkeit gelassen. Sie konnten wählen zwischen allen Bäumen und dem einen Baum. Da muss man jetzt wieder die 2. Folge in Staffel 1 (Genesis) gesehen oder gelesen haben:

  • «Und Gott der HERR liess aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.» 1. Mose 2, 9 

Und weiter heisst es:

  • «Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen.» 1. Mose 2,16-17

Seither haben wir die Möglichkeit, uns nach freiem Willen zu entscheiden. Eine unglaubliche Würde – aber auch eine hohe Bürde. Wir haben die Möglichkeit uns zu entscheiden: Wir können Dinge so oder so machen. Und damit verbunden auch gut oder schlecht. Wir können lieben aber wir können auch hassen. Wir können vergeben oder auch bitter werden und nachtragend. Und wir müssen mit den Entscheidungen, die wir getroffen haben und ihren Konsequenzen leben!

In ganz vielen Episoden der grossen Geschichte ist davon die Rede –  unglaublich spannende Folgen! Und eben in Folge 3 haben sich Adam und Eva entschieden. Sie wollten es wissen und assen von der Frucht des Baumes, der «Baum der Erkenntnis» genannt wurde. Und seit diesem Zeitpunkt konnten sie unterscheiden zwischen gut und böse (vorher gab es ja nur gut). Dieser Wendepunkt ist der grosse Fall, der Sündenfall. Er war eine gewaltige Zäsur in der bis dahin heiligen und friedvollen Welt. Nichts war mehr wie zuvor . Die Menschen fingen an Geheimnisse voreinander zu haben – auch um sich voreinander zu schützen. Sie fingen an sich zu schämen. Und diese Scham führte zu Rückzug und zu Missverständnissen. Diese führten zu Misstrauen und Konflikten. Und so kam es schon in Folge 4 zu Mord und Totschlag. 

Kain erschlug seinen Bruder Abel. Er hatte sein inneres Gleichgewicht völlig verloren und entfernte sich immer mehr von seinem Schöpfer. Und damit auch vom Ort seiner Bestimmung. Er war am Leben, aber das Leben war nicht mehr wie vorher. Er war nicht mehr zu Hause.

Wir 

Und jetzt sind wir da, wo wir alle sind, im heute. Denn das besondere an dieser Geschichte (die mit Adam und Eva begann) ist ja nicht einfach ihre historische Bedeutung, sondern ihr Bezug zur Gegenwart und zu unserem Leben. 

Jetzt gerade ereignet sich diese Geschichte erneut. Oft im Leben spüren wir diese Ruhelosigkeit in uns, dieses Gefühl, nicht wirklich zu Hause zu sein. 

Und auch wir haben eine Wahlmöglichkeit: Wir können wählen, wie wir leben möchten. Unabhängig von unserem Schöpfer, Gott, ganz auf uns selbst gestellt und damit auch ganz selbstbestimmt. Oder so, wie es unserer ursprünglichen Bestimmung entspricht; Mit Gott unserem Schöpfer vertrauensvoll verbunden. 

Bald ist Weihnachten 

Bald ist Weihnachten und wir beginnen heute eine Reise miteinander dahin. Ich bin sicher, dass wir alle noch ein Gespür dafür haben, wo wir unsere Bestimmung verlassen haben. In jedem von uns gibt es diese Sehnsucht, nach diesem Frieden auf Erden – und wenn vielleicht auch nur noch ein kleiner Rest davon übrig geblieben ist. Diese Sehnsucht steckt in uns.

Wenn wir dieser Sehnsucht nachgehen, gerade dann kann die Weihnachtsgeschichte zu unserer persönlichen Geschichte werden. Zu deiner und meiner ganz persönlichen Heilsgeschichte:

  • «Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren.» Lukas 2, 10b-11 

Es geht an Weihnachten nicht um ein bisschen Liebe, ein bisschen mehr Frieden. Es geht nicht um moralische Anstrengungen menschlicher Art. Es geht nicht um diese «St. Nikolaus und Schmutzli»-Sache, wo nur die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden.

Es geht um viel mehr! Es geht darum, sich selbst wieder als ein Geschöpf dieses liebevollen Schöpfers zu verstehen. Es geht darum zu erleben, was es bedeutet, im Frieden mit Gott zu leben. Wir sind irgendwann einmal vom Weg abgekommen und haben uns im Laufe der Zeit so weit von zu Hause entfernt, dass wir ohne Hilfe nicht mehr zurück finden können. Wir sind auf unserer Reise verloren gegangen und brauchen jemand der uns sucht und findet und zurück nach Hause bringt.

Darum geht es an Weihnachten! Darum ist JESUS Christus auf diese Welt gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. 

Amen

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