Vom reichen Mann und armen Lazarus

Datum: Sonntag, 19. Juni 2022 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Lukas 16,19-31

Ein Gleichnis

Der heutige Predigttext ist ein Gleichnis. Jesus unterweist seine Jünger schon zu Be- ginn vom Kapitel 16 mit dem Gleichnis vom ungetreuen Verwalter. Dabei hörten auch einige Pharisäer mit (V 14). Jesus wendet sich im Anschluss direkt an die Pharisäer. Und so ist anzunehmen, dass auch bei unserem Gleichnis nicht nur die Jünger von Jesus sondern auch einige Pharisäer mitgehört haben.

Ein Gleichnis ist ja eine Beispiel-Geschichte, welche etwas verdeutlicht. Und dieser Text ist wie ein Gleichnis zu den Seligpreisungen (Lk 6,20-26). Dort heisst es zum Beispiel:

Jesus blickte seine Jünger an und sagte: «Glücklich zu preisen seid ihr, die ihr arm seid; denn euch gehört das Reich Gottes. Glücklich zu preisen seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr werdet satt werden. Glücklich zu preisen seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. [...]
Doch weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt euren Trost damit schon erhalten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet trauern und weinen.» Lukas 6,20-21; 24-25 (NGÜ)

Das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus ist da wie eine Veranschaulichung dieser Seligpreisungen und Wehe-Rufe.

Der arme Lazarus

Die eine Hauptfigur des Gleichnisses ist der arme Lazarus. Er ist ein Bettler, arm, krank (voller Geschwüre) und verlassen. Einzig die streunenden Hunde kommen zu ihm – allerdings um seine Wunden zu lecken. Offenbar ist Lazarus schon so schwach, dass er sich nicht mal gegen die Hunde wehren kann.

Speziell ist, dass Lazarus die einzige Person in einem Gleichnis ist, welche einen Namen hat. Sonst ist es immer ein Bauer, eine Frau, ein Hirte, ...
Der Name «Lazarus» bedeutet übersetzt «Gott hilft». Und natürlich ist der Name in diesem Gleichnis nicht zufällig gewählt. Der Name soll zum Ausdruck bringen, dass Lazarus trotz allen schwierigen Umständen Gott vertraut. Er hält daran fest: Gott hilft. Das ist auch gleich das einzige, was wir über sein «Verhalten» erfahren: er vertraut trotz allem auf Gott. Sonst wissen wir nichts über ihn.

Der reiche Mann

Lazarus gegenüber steht im Gleichnis der reiche Mann. Er hat keinen Namen. Wichtig ist an der Stelle zu sagen, dass der Mann im Gleichnis nicht für seinen Reichtum an und für sich kritisiert wird. Jesus erwähnt lediglich, dass der Mann täglich seinen Reichtum feiert, fröhlich und in Prunk.

Lazarus dagegen hätte gerne etwas gehabt, das den reichen Mann nicht ärmer gemacht hätte. Lazarus war so sehr in Not, dass er schon zufrieden gewesen wäre, wenn er ein paar Brocken bekommen hätte, von dem, was vom Tisch des Reichen übrig geblieben war. Doch offensichtlich kümmert es den Reichen nicht im Geringsten.

Der Tod

Doch dann sterben die beiden Männer im Gleichnis. Im Sprichwort heisst es: «Vor dem Tod sind alle gleich.» Der Tod macht weder vor Lazarus noch vor dem reichen Mann halt. Zwar kriegt der Reiche im Unterschied zu Lazarus noch ein ordentliches Begräbnis. Doch dann ist es fertig mit seinem Reichtum.

Nach dem Tod

Und nun, nach dem Tod, kommt der Wendepunkt in der Geschichte. Lazarus bekommt den Ehrenplatz bei Abraham, der Vater aller Gläubigen. Die Übersetzung von Luther «in seinem Schoss» ist zwar sprachlich korrekt. Aber gemeint ist eher «an seiner Brust». Das war nämlich im Orient der Ehrenplatz. So wie es auch vom Lieblingsjünger Johannes heisst, dass er beim letzten Abendmahl an der Brust von Jesus lag (Joh 13,23). Das erklärt sich damit, dass man damals zum Essen nicht am Tisch sass, sondern am Boden seitlich auf Kissen lag. So hatte man jemanden in seinem Rücken und jemanden quasi an seiner Brust. Lazarus, der im Leben auf dieser Erde tief unten durch musste, wird nun noch geehrt. Er empfängt nun den Lohn für sein Vertrauen auf Gott.

Lazarus entspricht, dass wir durch die ganze Bibel hindurch erfahren, dass Gott ein besonderes Erbarmen gegenüber den Menschen hat, die in Armut geraten sind, weil andere Menschen in ihrem Umfeld raffgierig waren.

Ganz anders der reiche Mann. Er findet sich im Totenreich wieder, wörtlich im «Hades». So wie er zu Lebzeiten die Wünsche von Lazarus nicht beachtet hat, so werden nun auch seine Wünsche nicht erfüllt. Er bekommt nicht mal einen Tropfen Wasser, der ihm wenigstens für einen kleinen Moment den unstillbaren Durst löschen würde. So wie zuvor Lazarus nicht mal ein Brocken der Reste bekam.

Ich möchte es hier nochmals erwähnen: Dem reichen Mann wurde nicht eigentlich sein Reichtum zum Verhängnis, sondern sein Handeln. So wie er gehandelt hat an Lazarus, so wird nun auch er behandelt. Sein Umgang mit dem Armen direkt vor seiner Haustüre wird nun zum Massstab für sein Ergehen.

Dass sich der arme Lazarus unmittelbar vor der Türe vom reichen Mann befand, das erinnert etwas an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dort geht es ja um die Frage nach dem Nächsten. Und die Antwort von Jesus ist schlicht: Du musst nicht lange suchen, dein Nächster liegt quasi vor deinen Füssen. Genauso ist es bei dem reichen Mann. Doch während der Priester und der Levit im anderen Gleichnis immerhin sich hätten Zeit nehmen und sich kümmern müssen, hätte der Reich lediglich dem Lazarus etwas von seinen Abfällen überlassen können. Er hätte sich nicht aufmachen müssen, um einen hilfsbedürftigen Nächsten zu suchen. Und er hätte auch nicht allen Armen dieser Welt helfen müssen. Es wäre nichts Unmögliches gewesen. Er hätte lediglich das tun müssen, was Gott in seinen Geboten den Reichen aufgetragen hat. Er hätte einen Teil seines Reichtums nutzen können, um sich bei Gott und bei seinen armen Mitmenschen einen bleibenden Schatz zu sammeln. In den Abschnitten zuvor fordert Jesus seine Jünger dazu auf, materiellen Reichtum klug einzusetzen, um sich Freunde zu schaffen und in die Ewigkeit einzugehen.

Auch der zweiter Wunsch des reichen Mannes, dass wenigstens seine Brüder gewarnt würden, wird nicht erfüllt. Seine Brüder haben alles an Informationen, was sie brauchen, um nicht im Totenreich zu enden – wie es auch er selber gehabt hätte.

Auf die Propheten hören

Und damit kommen wir zur Gegenwart. Was für die Brüder des reichen Mannes gilt, das gilt auch für uns: Uns ist alles gegeben, was es braucht um den richtige Weg zu gehen. In der Bibel haben wir die ganze Botschaft der Propheten. Wir haben die Gebote, die Gott Mose gegeben hat, um ein gelingendes und geschütztes Leben zu führen. Und wir haben sogar noch mehr: Wir haben den Lebensbericht von Jesus Christus. Von dem Mann, der tatsächlich von den Toten zurück gekehrt ist und damit bezeugt hat, dass seine gute Nachricht wahr ist.

Lazarus hat auf die Botschaft der Bibel vertraut. Vielleicht hatte er die Worte von Psalm 37 im Gedächtnis. Da heisst es zum Beispiel:

«Lass den HERRN deinen Weg bestimmen, vertrau auf ihn, und er wird handeln. Er wird deine Rechtschaffenheit erstrahlen lassen wie das Morgenlicht und dein Recht leuchten lassen wie die Mittagssonne. Überlass dich ruhig dem HERRN und warte, bis er eingreift.» Psalm 37,5-7 (NGÜ)

«Die Macht der Feinde Gottes wird zerbrochen; denen aber, die nach Gottes Willen leben, ist der HERR Stütze und Halt. Der HERR kennt die Zukunft der rechtschaffenen Menschen, er gibt ihnen ein Erbe, das sie für immer besitzen werden. Selbst eine schlimme Zeit stürzt sie nicht ins Elend.» Psalm 37,17-19 (NGÜ)

Ich weiss nicht, wie leicht oder schwer es Lazarus gefallen ist, auf Gott zu vertrauen, gerade auch in seiner Not. Von aussen gesehen hat es nicht danach ausgesehen, als würde Gott ihm helfen. Und doch hat Gott genau das getan. Sein Name «Gott hilft» hat sich letztlich doch bewahrheitet. Sein Vertrauen auf Gott hat sich am Schluss ausbezahlt.

Es gibt eine Redewendung: «Am Ende kommt es gut – wenn es noch nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht das Ende.» Das Gleichnis von Lazarus ist ein gutes Beispiel dafür. Solange Lazarus auf dieser Erde gelebt hat, sah es nicht danach aus, als würde es für ihn gut kommen. Aber das Ende seines irdischen Lebens ist eben nicht sein Ende! Und schlussendlich kommt es gut für Lazarus. Er hat den Ehrenplatz bekommen.

Genau das selbe Angebot gilt auch uns. Wir sollen in diesem Leben hier auf der Erde auf Gott vertrauen, nicht auf Reichtum oder auf unsere Leistung. Beides ist nicht per se schlecht. Aber beides kann uns nicht retten und beides kann uns sogar im Wege stehen – wie dem reichen Mann.

Und auch wir sind aufgefordert, den Nächsten zu sehen, der vor «unserer Türe liegt». Ihm zu helfen, das wird uns nicht überfordern. Aber es wird Auswirkungen haben auf ewig!

Amen.

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