Starke Frauen im Alten Testament
17. Mai 2020

Starke Frauen im Alten Testament


Passage:

Sprüche 31,26

Es gibt ja Menschen, die behaupten, dass es einen grossen Bruch zwischen AT und NT gebe, dass im Neuen Testament alles ganz anders sei. Dieser Ansicht bin ich definitiv nicht! Im Gegenteil, alles, was im NT gross und wichtig ist, das kommt auch im AT bereits vor oder es zeichnet sich zumindest schon ab. Auch die Art und Weise, wie Jesus mit Frauen umgeht (darauf kommen wir dann in den nächsten Predigten), findet sich bereits im AT angelegt. Dazu möchte ich einige Beispiele aufgreifen. Es bleibt jedoch bei ein paar Beispielen. Im ganzen AT gäbe es noch viel mehr zu entdecken. Adam und Eva haben wir bereits in der ersten Predigt angeschaut. Wir könnten auch einen Blick auf Hiob, Esther oder auf die Prophetin Hulda werfen. Wer sich da mehr damit auseinandersetzten möchte, dem empfehle ich das Buch «Warum Eva keine Gleichstellungsbeauftragte brauchte».

Mose – beseitigt strukturelle Ungerechtigkeit

Beginnen wir mit Mose. Eines Tages kommen fünf Schwestern zu Mose. Es sind die Töchter von Zelofhad (vgl. 4. Mose 27,1-11). Ihr Vater ist gestorben und weil sie keinen Bruder haben, soll der ganze Besitz nun an die Brüder ihres Vaters gehen, also an ihre Onkel. Doch die fünf Frauen finden das ungerecht. Soll der Name und das Andenken ihres Vaters ausgelöscht werden, nur weil er statt eines Sohnes fünf Töchter hatte? Mose ist unsicher, was er tunt soll. Schliesslich war es doch schon immer so, dass nur die Söhne erbberechtigt sind. Doch statt sich einfach zurück zu lehnen und zu sagen: «So haben wir es schon immer gemacht», entscheidet er sich für einen anderen Weg. Das Handeln von Mose war bestimmt von dem Wunsch, den Willen Gottes zu tun. Dazu aber ist es nötig, eine vertraute Beziehung mit Gott zu haben und gut auf ihn zu hören. Und so machte er folgendes:
«Mose brachte ihre Rechtssache vor den HERRN. Und der HERR redete zu Mose und sprach: Die Töchter Zelofhads reden recht. Du musst ihnen in der Tat einen Erbbesitz inmitten der Brüder ihres Vaters geben, und du sollst das Erbteil ihres Vaters auf sie übergehen lassen!» 4. Mose 27,5-6
Mose hat die fünf Frauen also ernst genommen, hat ihr Anliegen über die Tradition gestellt, vor Gott gebracht und ihnen dann zu ihrem Recht verholfen. Er hat damit zumindest ein stückweit strukturelle Ungerechtigkeit beseitigt. Wie kam es dazu? Fünf Frauen haben die Ungerechtigkeit angeprangert, in einer Zeit, in der Frauen nicht gerade zu solch einem Verhalten erzogen wurden. Und Mose hat in seiner Position richtig gehandelt. Frauen und Männer haben das Problem zusammen gelöst.
Aber woher kommt es, dass Mose diese Frauen ernst nimmt? Wenn wir in die Geschichte von Mose schauen, dann sehen wir da, dass es einige besondere Frauen in seinem Leben gab. Da ist zunächst einmal seine Mutter Jochebed. Eine mutige Frau, die alles daran setzt ihren Sohn vor dem sicheren Tod zu bewahren. Dann ist da die Tochter des Pharaos, welche Mose adoptiert, ihm somit das Leben rettet, ihn aber seine wahre Identität kennen lässt. Und dann ist da auch noch Mirjam, die Schwester von Mose, die ebenfalls an seiner Rettung beteiligt ist und die später zusammen mit Aaron Seite an Seite Mose in seiner riesigen Leitungsaufgabe unterstütz. Alle samt mutige Frauen, die Mose geprägt haben. Mose hat also nicht nur diesen fünf Frauen zu ihrem Recht verholfen, sondern er hatte auch eine Frau - seine Schwester Mirjam - in seinem engsten Führungsstab, also in leitender Position.

Deborah – sprengt fixe Rollenbilder

Als nächstes möchte ich von Deborah erzählen (Richter 4-5). Sie ist eine Prophetin und eine Richterin. Die Richter waren so etwas wie der übergang von Mose zu den Königen in Israel. Sie lebten in der Zeit nach der Landnahme und traten meistens in Erscheinung, wenn es Krisen gab, weil das Volk Gottes sich nicht an seine Ordnungen hielt.
Deborah war als Richterin zu ihrer Zeit die höchste Person im ganzen Land. Es gab keinen anderen Mann, der noch über ihr gestanden hätte. Speziell ist auch, dass von keinem anderen Richter erzählt wird, der zugleich auch Prophet gewesen wäre (Mose hatte ebenfalls beide Aufgaben vereint, wird aber nicht in dem Sinne als Richter bezeichnet). Sie hatte somit mehr Macht, als alle anderen (männlichen) Richter vor und nach ihr. Deborah muss eine sehr mächtige und eindrucksvolle Frau gewesen sein. In einem Siegeslied über Deborah heisst es:
«Starke fehlten, in Israel fehlten sie, bis du, Debora, aufstandest, bis du aufstandest, eine Mutter in Israel.» (Richter 5,7; LUT)
Sie war offenbar also die stärkste oder auch geeignetste unter allen Frauen und Männern in ganz Israel. Und doch war sie kein «Mannsweib» – sie wird ja als Mutter Israels gelobt. Und so haben offensichtlich die Männer in Israel akzeptiert, dass Gott Deborah als Richterin über das ganze Volk eingesetzt hatte.
Interessant ist auch die Zusammenarbeit von Deborah mit dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte, mit Barak. Als Befehlshaber musste er wohl ein mutiger und kampferprobter Mann gewesen sein. Doch als Deborah ihm den Auftrag gibt, gegen die militärisch überlegene Armee der Kaananiter unter Sisera zu kämpfen, da gesteht er ein, dass er nur dann in den Kampf zieht, wenn auch Deborah mitkommt. Deborah willigt ein, macht ihn aber auf die Konsequenzen aufmerksam: Der Ruhm für den bevorstehenden Sieg wird nicht ihm zufallen, sondern einer Frau. So kam es dann auch.
An der Geschichte von Deborah und Barak kann man gut erkennen, wie Gott das Schubladendenken von uns Menschen immer wieder durchbricht. Wir haben ja unsere Vorstellungen, was typisch männlich und was typisch weiblich ist: Männer sind mutig und stark, Frauen brauchen den Schutz von einem Mann, ... Doch bei Deborah und Barak ist es anders. Ist das jetzt die Ausnahme, welche die Regel bestätigt? Könnte es sein, dass etwas «im Durchschnitt» so ist, dass es aber eben die Abweichung vom Durchschnitt gibt und dass die nicht nur «tolerierbar» ist, sondern je nach Situation genau die richtige Lösung? Kann es sein, dass Gott damit immer mal wieder unser Schubladendenken aufbrechen und zu starre Rollenbilder aufsprengen will?
Bei all dem sollten wir heute auch bedenken, dass gerade die Einteilung, was als typisch männlich bzw. als typisch weiblich gilt, sehr stark von der jeweiligen Zeit oder Kultur abhängt. Ein Beispiel: Heute gelten Gefühle für viele eher als typisch weiblich. Frauen werden mehr Gefühle zugestanden. Man sagt dann aber auch, dass sie sich mehr durch Gefühle leiten lassen würden. Männer dagegen seien mehr rational und weniger gefühlsbetont.
Doch im Mittelalter sah das ganz anders aus: Zur Zeit der Minnesänger und holden Ritter galt für viele, dass nur Männer zu (wahren, edlen) Gefühlen fähig seien. Gefühle waren also viel mehr männlich, als weiblich.

Die «tüchtige» Frau – die Macht der Sprache

Zum Schluss werfen wir einen kurzen Blick auf das letzte Kapitel des Buches der Sprüche. Hier wird ab Vers 10 eine sehr beeindruckende Frau beschrieben. Lest diese Verse mal ganz in Ruhe und sehr genau durch, was da alles beschrieben wird. Da ist die Rede von einer unglaublich beeindruckenden Frau. Sie ist klug, gebildet, sie betreibt Handel, verdient ihr eigenes Geld, ist handwerklich geschickt, hat Haus und Hof mit allen Angestellten voll im Griff und ist zugleich fürsorglich, liebevoll und gerecht, kümmert sich selbst um Bedürftige. Sie hält ihrem Mann den Rücken frei, damit der sein Amt im Rat bei den ältesten des Landes (also wohl ein wichtiger Politiker) ausführen kann. Eine unglaubliche Powerfrau! Das alles zusammen passt so gar nicht ins Bild der «braven» Hausfrau am Herd. Dieses Bild der Hausfrau, die brav zuhause bleibt und sich um Haushalt und Kinder kümmert, während ihr Mann draussen in der Welt das Geld verdient, das ist kein biblisches Bild. Das ist erst vor knapp 200 Jahren in der sogenannten Biedermeier-Zeit entstanden. Die Männer des aufstrebenden Bürgertums waren stolz darauf, wenn sie genug verdienten, so dass ihre Frauen zuhause bleiben konnten. Doch was auf den ersten Blick fürsorglich klingen mag, das wird allzu oft eine Frage der Macht: Wenn der Mann alleine alles Geld verdient, dann hat auch er alleine die Macht. Schauen wir nochmals auf die Frau, die in den Sprüchen als die ideale Frau für jeden Mann gelobt wird, dann sehen wir da etwas ganz anderes, eine starke, selbstbewusste Frau, die nicht ihrem Mann untertänig unterstellt ist, sondern die mit ihm auf gleicher Stufe steht und die ihn liebt.
Ich möchte aber noch auf etwas anderes eingehen. In fast allen deutschen Bibelübersetzungen wird an der Stelle das hebräische Wort «chajil» mit tüchtig übersetzt. Es geht also um eine tüchtige Frau. Das verstehen wir dann in der Regel als «fleissig». Speziell ist, dass genau das selbe Wort, wenn von Männern die Rede ist, je nach übersetzung oft mit Begriffen wie «kampferprobt», «streitbar» oder «fähig» übersetzt wird.
Ich möchte aber noch auf etwas anderes eingehen. In fast allen deutschen Bibelübersetzungen wird an der Stelle das hebräische Wort «chajil» mit tüchtig übersetzt. Es geht also um eine tüchtige Frau. Das verstehen wir dann in der Regel als «fleissig». Speziell ist, dass genau das selbe Wort, wenn von Männern die Rede ist, je nach übersetzung oft mit Begriffen wie «kampferprobt», «streitbar» oder «fähig» übersetzt wird. Die Wurzel des Wortes bedeutet nämlich «Stärke, Kraft, Fähigkeit oder Habe». Warum ist nun ein Mann kampferprobt oder fähig und eine Frau einfach «tüchtig»?
Hier stellt sich die Frage, wie stark sich vorhandene Vorstellungen des übersetzers, man könnte sagen seine Theologie oder hier in dem Fall seine Rollenbilder, in die übersetzung mit hinein schleichen?
Ich glaube, hier liegt ein grundlegendes Problem: Jede übersetzung der Bibel ist immer auch ein Stück weit geprägt durch die Theologie des übersetzers und durch die Vorstellungen seiner Zeit. Das ist ganz menschlich und lässt sich gar nicht verhindern. Aber wir sollten es immer auch im Hinterkopf behalten.
In den nächsten Predigten möchte ich unter anderem auch auf genau solche Gefahren etwas genauer eingehen, dann anhand des Neuen Testamentes. Weil auch dort zeigt sich immer wieder ganz deutlich: Gott rechnet damit, dass Männer und Frauen gemeinsam, einander ergänzend und gegenseitig unterstützend sich für sein Reich einsetzen lassen! Amen!

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Notizen

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