Stark oder schwach?

Datum: Sonntag, 13. Juni 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: 2. Korinther 12,9

Es gibt im Leben so Momente, die einem in Erinnerung bleiben. Natürlich die ganz besonderen Momente wie die eigene Hochzeit oder die Geburt eines Kindes – oder für euch drei vielleicht eure Konfirmation heute. Aber es gibt auch ganz «normale» Momente, die einem aus irgend einem Grund in Erinnerung bleiben. So eine Erinnerung habe ich mit den Teens hier. Wir hatten als Gruppe ein gemeinsames Programm – ich weiss nicht einmal mehr was genau wir gemacht haben. Ich machte eine Bemerkung, so in der Art, dass ich langsam müde sei. Daraufhin meinte Nora ganz trocken und ohne mit der Wimper zu zucken: «Die Schwachen nimmt’s.»

Diese Aussage, die ist mir hängen geblieben. Und offenbar nicht nur mir – wie wir heute Morgen noch sehen werden.

In der Vorbereitung für diese Konfirmation kam mir der Spruch wieder in den Sinn und ich habe mich – nicht zum ersten Mal – gefragt: Wie ist das denn mit Stärke und Schwäche? 

Dabei ist mir aufgefallen, dass es viele Geschichten in der Bibel gibt, die genau damit zu tun haben.

Die vermutlich bekannteste ist «David gegen Goliath». Da hilft Gott dem schwachen, aber auf ihn vertrauenden David, der sich selbstlos für das ganze Volk Israel und somit auch für die richtige Sache einsetzt. Und der junge David – man nimmt an, dass er etwa im Teenager-Alter war – kann den scheinbar übermächtigen Riesen Goliath besiegen. Seine Schwäche, dass er nicht stark und gross genug ist, um eine richtige Rüstung zu tragen, wird ihm letztlich zur Stärke, weil er so viel flinker unterwegs ist, als der Riese Goliath.

Doch das ist nicht die einzige solche Situation. Immer wieder steht das Volk Israel übermächtige Feinden gegenüber. Fremde Armeen, welche das Volk unterdrücken und die viel mehr Soldaten und viel mehr Kriegsmaterial besitzen. Doch immer wenn die Israeliten auf Gott vertrauen und er ihnen hilft, dann gelingen ihnen spektakuläre Siege.

Durch die ganze Bibel hindurch hilft Gott immer wieder Armen und Unterdrückten. Er zeigt klar, auf wessen Seite er steht. Auch wenn er nicht alle Not und jedes Leiden oder jede Unterdrückung gleich beseitigt. Auch Menschen, die auf Gott vertraut haben, mussten oft Schwieriges erleiden. Doch Gott macht deutlich, dass er auf ihrer Seite ist.

Ganz besonders sieht man dies an seinem Sohn, Jesus Christus. Jesus kommt in Schwachheit auf diese Welt. Er, der König aller Könige, derjenige, der zusammen mit dem Vater und dem Geist die ganze Welt geschaffen hat, er verlässt die Herrlichkeit des himmlischen Thrones und auf diese Welt als hilfloses Baby in einer ärmliche Futterkrippe, irgendwo im bedeutungslosen Nazareth.

Und während seines kurzen Lebens hier auf der Erde wehrt er sich nie mit Gewalt. Er lässt sich schliesslich sogar hinrichten wie ein Lamm. Und siegt dabei doch über alle Mächte! Aus seiner scheinbaren Schwäche wird der grosse Sieg über alle finsteren Mächte dieser Erde.

Einer der Nachfolger von Jesus, Paulus, schreibt dann einige Jahre später den wohl bekanntesten Satz in der Bibel zum Thema. Er schreibt in seinem zweiten Brief an die christliche Gemeinde in Korinth:

  • Der Herr hat zu mir gesagt: «Meine Gnade ist alles, was du brauchst, denn meine Kraft kommt gerade in der Schwachheit zur vollen Auswirkung.» Daher will ich nun mit grösster Freude und mehr als alles andere meine Schwachheiten rühmen, weil dann die Kraft von Christus in mir wohnt. (2. Korinther 12,9; NGÜ)

Paulus ist also stolz auf seine Schwachheit. Dabei ist er absolut kein Schwächling. Wenn man seine Geschichte in der Bibel liest, dann liest man da von einem beeindruckenden Menschen, der sehr viel geleistet und sehr viel erreicht hat. Er hat auch sehr viel auf sich genommen in seinem Einsatz für Jesus. Er hat auch viel gelitten für seinen Glauben und war sehr gebildet, konnte vermutlich das ganze alte Testament auswendig. 

Er hätte also allen Grund gehabt, stolz zu sein oder sogar überheblich zu werden. Doch gerade davor hat Gott ihn bewahrt. Als der starke «SuperApostel» hat Paulus durch Gott gelernt, dass seine eigene Stärke nicht entscheidend ist, sondern allein Gottes Gnade.

Gott selber hat ihm das gesagt: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Doch was ist das für ein Spruch? Ist es nicht eher ein Spruch für Looser?

Beim Vorbereiten habe ich die Geschichte vom Jungen gelesen. Er war eher ein Aussenseiter und eher schwach, konnte sich schlecht wehren. Und dann hat er bei seiner Konfirmation ausgerechnet diesen Spruch bekommen. Er hatte den Eindruck, dass der Pfarrer den Vers extra ausgewählt hatte, nur um ihn zu ärgern. Und die anderen Jungs der Konfklasse machten sich erst recht lustig über ihn. Und so ärgerte sich der Junge über diesen Vers.

Erst im Alter, nachdem er viel schwieriges in seinem Leben erlebt hat, da hat er entdeckt, dass Gott eben wirklich in seiner Schwachheit stark ist. Erst als er es aufgegeben hatte, selber stark sein zu wollen. Eine sehr herausfordernde Geschichte und einerseits zwar hoffnungsvoll, irgendwie aber auch sehr traurig.

Wenn wir ehrlich sind, dann ist schwach sein nicht attraktiv. Niemand ist gerne schwach. Wirklich nicht! Wenn man schwach ist, dann fühlt man sich oft ohnmächtig. Und das ist wohl eines der unangenehmsten, schlimmsten Gefühle überhaupt. Ohnmächtig und anderen ausgeliefert. Schwach sein, das kann zu grosser Not führen.

Ich glaube nicht, dass es Gott darum geht, dass wir möglichst schwach sein oder schwach werden sollen. Es ist viel mehr so, dass Gott weiss, dass wir eben oft schwach sind. Alle unsere Schwächen haben. Das ist einfach die Realität unseres Lebens.

Doch dabei ist «Gnade» das rettende Stichwort. Gott sagt ja zuerst zu Paulus: «Meine Gnade ist alles, was du brauchst.» 

Gnade, das bedeutet, dass es nicht selber verdient ist, dass es ein Geschenk ist. Dass jemand, der höher ist als ich selber, mir seine Gunst erweist, eben gnädig ist. 

Gnade bedeutet, dass ich schwach sein darf und dass Gott trotzdem zum Ziel kommt. Dass er das, was ich nicht schaffe, das er das für mich übernimmt.

Stell dir vor, das ist wie bei einer Prüfung: Du gehst hin und beginnst die Aufgaben zu lösen. Doch dann merkst du, dass du nicht alles weisst, nicht alle Aufgaben lösen kannst. Ja eigentlich merkst du, dass du sogar grad sehr viel nicht lösen kannst. Doch dann kommt dir jemand zu Hilfe und löst für dich alle die Aufgaben, die du selber nicht schaffst – und zwar ganz legal. Das ist Gnade.

Selbst Paulus, der in so vielem ein vorbildlicher Mensch war, hat seine Schwächen gehabt und hat Fehler gemacht. Selbst er hätte sich die Gunst Gottes und seine Güte niemals verdienen können. Auch er musste sie sich – trotz allem Gutem, das er geleistet hatte – schenken lassen: «Meine Gnade ist alles, was du brauchst.»

Und dann, wenn wir das zulassen, dass wir Gottes Gnade brauchen und uns von ihm beschenken lassen, dann kann aus unserer Schwäche seine Stärke werden. Dann ist Raum für Gottes Stärke. Dann merken wir aber auch selber zutiefst, dass es Gottes Kraft ist und nicht unsere eigene. Und Gottes Stärke, die kann viel mehr bewirken als unsere. 

Das wusste auch Paulus. Denn er fuhr in seinem Brief mit den Worten fort:

  • «Daher will ich nun mit grösster Freude und mehr als alles andere meine Schwachheiten rühmen, weil dann die Kraft von Christus in mir wohnt.» 

Paulus fand Schwachheit an und für sich nichts tolles. Er sagt dann auch, dass er Not, Verfolgung und Bedrängnis ertragen muss. Das ist nicht angenehm. Er sucht das Leiden nicht. Aber weil er weiss, dass gerade da, in seiner Schwachheit Jesus Christus stark ist, deshalb ist er bereit all das auf sich zu nehmen. Weil er um das Geschenk der Gnade von Gott weiss.

Und weil diese Gnade ein Geschenk ist, deshalb schenken wir auch euch Konfirmanden ein wenig Stärke!

Da ist unter anderem ein Getränk. Es soll Energie liefern. Es steht aber auch symbolisch für das lebendige Wasser. Jesus Christus sagt, dass er dieses lebensspendende Wasser denen gibt, die an ihn glauben. 

Im Geschenk hat es aber auch ein Duschmittel. Es soll euch an die Vergebung erinnern, welche Jesus Christus uns anbietet. Er sagt uns: Wenn wir ihn um Vergebung bitten, dann wäscht er unsere Sünden ab, damit wir wieder ohne Schuld vor ihm stehen, damit wir wieder eine «weisse Weste» haben.

Jesus nachzufolgen, das braucht Ausdauer. Darum hat es etwas Ovi-Schoggi in der Tüte: Damit kannst du es nicht besser, aber länger …

Ausserdem hat es auch Traubenzucker drin, ein richtiger Energiespender. Der soll euch an den Heiligen Geist und seine Kraft erinnern. Auf griechisch heisst diese Kraft «Dynamis» – davon kommt auch das Wort «Dynamit» – eine Kraft so stark wie Sprengstoff.

Auf dieses Weise soll die Gnade von Gott für euch ein wenig spürbar und erlebbar werden. Und euch daran erinnern, dass sie ein Geschenk von Gott ist.

Und vielleicht erinnert es euch auch daran, dass es bei Gott ein wenig anders läuft. Bei Gott gilt nicht, dass es die Schwachen nimmt, sondern dass er sich der Schwachen annimmt und dass er dafür schaut, dass gerade sie zum Ziel kommen!

Amen.

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