Sonntag der verfolgten Kirche
1. November 2020

Sonntag der verfolgten Kirche


Passage:

Matthäus 5,10-12

Dienstart:

Freiheit

Wir leben hier in der Schweiz in einem sehr freien Land. In unserer Verfassung steht: «Jeder Mensch hat das Recht auf persönliche Freiheit, insbesondere auf körperliche und geistige Unversehrtheit und auf Bewegungsfreiheit.» Im weitern werden die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Meinungs- und Informationsfreiheit, die Medienfreiheit, die Sprachenfreiheit, die Wissenschafts- und die Kunstfreiheit, die Versammlungsfreiheit und die Niederlassungsfreiheit genannt. Doch seit der ersten Corona-Welle erleben wir, dass diese Freiheiten eingeschränkt werden. Natürlich nicht willkürlich, sondern mit dem Zweck, die Krankheit einzudämmen. Und doch tun wir uns nicht so leicht damit, dass unsere sonst so selbstverständliche Freiheit eingeschränkt wird. Wie viel schwieriger muss es sein, wenn die Freiheit z.B. durch den Staat willkürlich eingeschränkt wird, nur weil jemand einer Religion angehört, welche der Regierung nicht passt?

Sicherheit

Wir sind an einen hohen Standart in Bezug auf Sicherheit gewöhnt. Neulich meinte eine junge Frau: «Ich kann als junge Frau ganz selbstverständlich abends nach Einbruch der Dunkelheit in Luzern über den Bahnhof laufen und habe nicht die geringste Angst. In vielen anderen Ländern dieser Welt wäre das nicht selbstverständlich.» 
Oder wir haben uns heute Morgen hier versammelt, vielleicht mit Respekt vor Corona, aber ohne Angst, dass plötzlich die Türe auffliegt und die Polizei uns verhaftet oder schlimmeres. Doch in unserem unmittelbaren Nachbarland Frankreich gab es innerhalb eines Monats gleich drei religiös motivierte Anschläge auf Christen mit mehreren Toten. Und plötzlich ist religiöse Gewalt nicht mehr weit weg in irgendwelchen fernen Ländern, sondern praktisch vor unserer Haustüre.

Leiden

Dazu kommt, dass wir zwar insgesamt als Christen hier in der Schweiz sehr komfortabel und gut leben. Das bedeutet aber nicht im geringsten, dass nicht auch wir das individuelle Leiden kennen. Auch wenn wir nicht wirklich unter Verfolgung leiden, so gibt es auch mitten unter uns Menschen, die unterdrückt werden, die an Krankheiten leiden, die Verlust erfahren haben, die in Not sind. Auch wir leben nicht im Paradies.
So wurde mir beim Vorbereiten bewusst: Auch wir sind Teil einer «leidenden Kirche». Und ich möchte nicht verschiedene Formen von Leid gegeneinander abwägen. Aus der Ferne kann man leicht sagen: «Das ist nicht so schlimm.» Aber wenn man persönlich mitten drin steckt, dann ist leiden immer schlimm. Niemand leidet gerne. Und auch Menschen, welche Leid erfahren haben und die dann im Rückblick sagen können, dass sie im Leiden auch wertvolle Erfahrungen gemacht haben, auch sie wollen nicht leiden. Alles andere wäre irgendwie krank. Es gibt höchstens ein «ich nehme dieses Leiden bereitwillig auf mich, für …». So wie Paulus sagt, dass er lieber leiden würde, wenn dafür andere Menschen aus seinem Volk Jesus Christus erkennen und dadurch gerettet würden.
Ich möchte euch nun zwei junge Frauen vorstellen, welche Verfolgung auf Grund des Glaubens in ihrem eigenen Leben erfahren haben. Sie heissen Maryam und Marziyeh und stammen beide aus dem Iran. Unabhängig voneinander sind sie im Alter von 17 Jahren vom Islam zum Christentum konvertiert. Sie lernten sich dann erst im Ausland in einer Bibelschule in der Türkei kennen. Nach dieser Bibelschule entschlossen sie sich, dass sie gemeinsam zurück in den Iran gehen wollen, um dort ihren Mitmenschen von Jesus zu erzählen.
Ich zeige euch einen kurzen Ausschnitt aus einem Video vom Alphalive-Kurs. Der Schwerpunkt liegt dabei mehr auf der Frage, wie und weshalb sie in der Hauptstadt Teheran Bibeln verteilt haben, als auf der Verfolgung, die sie erlebt haben. In einem sehr viel längeren Interview mit Nick Gumble, dem Gründer von Alphalive, erzählen sie noch sehr viel mehr aus ihrem Leben (siehe: https://youtu.be/vH_12pxMnM0). Dieses Interview habe ich aber nur auf englisch gefunden.

Diese beiden Frauen haben einiges erlitten. Im Interview erzählen sie noch mehr von den sehr schlimmen Haftbedingungen und dass sie nur frei kamen, weil viele Menschen für sie gebetet haben und verschiedene Organisationen und Regierungen Druck auf den Iran ausgeübt haben.
Doch das alles führt mich zu der Frage: Weshalb mussten diese Frauen das erleiden? Sie haben sich doch für einen guten Zweck eingesetzt, haben niemandem etwas getan, nur Bibeln in Briefkästen gelegt. Warum hat Gott das zugelassen, dass sie deswegen so leiden mussten?

Bibel: Seligpreisungen

Eine einfache Antwort auf diese Frage finden wir in der Bibel nicht. Aber in der sogenannten Bergpredigt sagt Jesus etwas sehr interessantes über das Leiden und über die Verfolgung:

«Glücklich zu preisen sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Glücklich zu preisen seid ihr, wenn man euch um meinetwillen beschimpft und verfolgt und euch zu Unrecht die schlimmsten Dinge nachsagt. Freut euch und jubelt! Denn im Himmel wartet eine große Belohnung auf euch. Genauso hat man ja vor euch schon die Propheten verfolgt.» Matthäus 5,10-12 (NGÜ)

Wie Jesus, so auch wir

Jesus sagt, dass die Menschen als glücklich oder beneidenswert zu bezeichnen sind, welche das erleben. Luther hat das mit «seelig» übersetzt – deshalb nennt man diese Stelle auch die «Seeligpreisungen». Jesus beschreibt in diesem Abschnitt das, was er selber auf dieser Welt erlebt hat. Und dann sagt er, dass seine Nachfolger das ebenfalls erfahren werden. Jesus nachzufolgen bedeutet, alles wie er zu erleben. Das heisst auf der einen Seite unendlich geliebt und jederzeit vom himmlischen Vater angenommen zu sein.
Aber auf der anderen Seite heisst es auch verfolgt zu werden von den Feinden Gottes. Jesus selber wurde schon von Geburt an verfolgt. Der König Herodes trachtete nach seinem Leben. Deshalb mussten Josef und Maria mit Jesus als Migranten nach Ägypten fliehen und dort Schutz vor der Verfolgung suchen.
Als erwachsener Mann wurde Jesus dann vom Sohn von Herodes, von Herodes Antipas verfolgt. Auch fromme Pharisäer und die sadduzäischen Priester schmähten Jesus. Schliesslich wurde er von der römischen Besatzungsmacht gefangen genommen und getötet.
Doch warum geschah das? Um der Gerechtigkeit willen! Die Menschen konnten Gottes Wort nicht ertragen. Sie wehrten sich gegen Gottes Gerechtigkeit. Sie wehrten sich gegen diese Gerechtigkeit, welche den Menschen, die zur Umkehr bereit sind, Gnade und Vergebung zuspricht. Jesus, der so ganz anders war als sie, als all die Machtsysteme dieser Welt, ihn wollten sie loswerden.
Und das selbe geschieht auch seinen Nachfolgern. Jesus und die Apostel sagen den Christen mehrfach: Wundert euch nicht darüber, dass es euch geht wie eurem Herrn. Ihr gehört gerade auch im Leiden in besonderer Weise zu ihm!

Weil Jesus, darum auch wir

Jesus gibt seinen Jüngern eine klare Sicht auf die Umstände der Verfolgung. Er sagt, dies geschieht um seinetwillen. Satan will eigentlich den Herrn angreifen, aber daran ist er gescheitert. Deshalb greift er nun dessen Jünger an und versucht sie zu Fall zu bringen. Denn die Nachfolger von Jesus verkünden das Reich von Gott und seine Stärke. Damit Wiedersprechen sie gleichzeitig dem Herrschaftsanspruch von Satan. Sie verkünden seine Machtlosigkeit! Darum geraten sie immer wieder in Leiden, werden geschmäht und verfolgt, über sie wird Böses geredet und Lügen verbreitet. Das alles geschieht, um letztlich Jesus und der Botschaft von ihm zu schaden. Der Grund für die Verfolgung der Christen ist Jesus selbst.
Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass die christliche Kirche dort nicht angegriffen wird, wo sie Jesus nicht mehr klar bezeugt. Dort, wo sie kompromissbereit ist und sich den Verhältnissen angepasst hat, dort ist sie für den Feind gar keine Gefahr mehr. Dort, wo die christliche Gemeinde aber Jesus in allem nachfolgt, wird sie auch in Verfolgung geraten.

Wo Jesus, da auch wir

Jesus zeigt den Jüngern auch das Ziel der Nachfolge durch alle Verfolgung hindurch: Das Ziel ist sein ewiges Königreich. Jesus ist nach seinem Tod und der Auferstehung dorthin gegangen. Und auch seine Jünger gehören dort dazu.
Sein Reich hat schon lange begonnen zu existieren. Sein Versprechen gilt, alle Tage bei uns zu sein. In seinen Händen sind wir geborgen. Ja, die vom Leiden durchbohrten Hände des Herrn sind gezeichnet mit unseren Namen: „Siehe, in meine Hände habe ich dich gezeichnet!“ (Jesaja 49,16) Deshalb beginnt die Zukunft der verfolgten Gemeinde schon jetzt. Als Erben des Himmelreichs, als gesegnete Kinder Gottes, als allezeit begleitete Jünger des Herrn. Deshalb gibt es für die um Jesu willen verfolgten Christen Grund zur Freude. Sie können jubeln und laut singen. Denn sie bleiben ganz nah bei ihrem Herrn, heute und in Ewigkeit.
Amen.

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