Petrus weinte bitterlich

Datum: Sonntag, 14. März 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Lukas 22,54-62

Die Verleumdung durch Petrus

In der Fastenzeit möchte ich einiges anschauen, was damals in der Zeit kurz vor der Kreuzigung und Auferstehung von Jesus, also kurz vor Karfreitag und Ostern geschehen ist. 

Letztes mal habe ich mit euch die Fusswaschung angeschaut und wie Petrus darauf reagiert hat, dass Jesus ihm die Füsse waschen will. Jesus hat da zu Petrus gesagt, dass er diese Handlung noch nicht verstehe, dass er es aber bald verstehen werde. Ich habe da darauf hingewiesen, dass dies mit der Verleumdung von Petrus zu tun hat. Und so kommen wir heute zu dieser Geschichte. 

Nach der Fusswaschung kündigt Jesus an, dass er bald von einem der Jünger verraten werden wird und dass er nur noch eine kurze Zeit bei seinen Jüngern sein werde. Daraufhin stellt Petrus Jesus eine Frage:

«Herr», fragte Simon Petrus, «wohin gehst du?» Jesus gab ihm zur Antwort: «Wo ich hingehe, kannst du jetzt nicht mitkommen; aber später wirst du mir dorthin folgen.» Petrus entgegnete: «Herr, warum kann ich nicht jetzt schon mitkommen? Ich bin bereit, mein Leben für dich herzugeben!» – «Du willst dein Leben für mich hergeben?» erwiderte Jesus. «Ich sage dir: Noch bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.» Johannes 13,36-38 (NGÜ)

Petrus macht eine grosse Ansage. Er wäre bereit für Jesus zu sterben. Allerdings vermute ich, dass er eher an einen heldenhaften Kampf denkt. Eine Art Revolution, wo Jesus sich zum neuen König von Israel einsetzen lässt. Sowas geht natürlich nicht ohne Kampf – denn der bisherige «Vasallenkönig» Herodes und die römische Besetzungsmacht wollen ihren Platz sicher nicht freiwillig räumen.

So wie es dann im Garten Getsemane beinahe geschieht:

Simon Petrus hatte ein Schwert bei sich. Er zog es, ging damit auf den Diener des Hohenpriesters los, einen Mann namens Malchus, und schlug ihm das rechte Ohr ab. Da sagte Jesus zu Petrus: «Steck das Schwert weg! Soll ich den bitteren Kelch, den mir der Vater gegeben hat, etwa nicht trinken?» Johannes 18,10-11 (NGÜ)

Doch Jesus will keinen heldenhaften Kampf. Er will vielmehr das tun, was der Vater will und das bedeutet, dass er ohne sich zu wehren «wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt» wird. Damit erwischt Jesus Petrus auf dem falschen Fuss. Damit hat Petrus (und wohl auch die anderen Jünger) überhaupt nicht gerechnet. Und so fliehen sie alle.

Konfrontation

Doch offenbar besinnt sich Petrus gleich wieder. Die Diener des Hohepriesters haben Jesus noch nicht weit weg geführt. Und so folgt Petrus der Gruppe von ferne. Petrus traut sich nur mit Abstand zu folgen. Aber er traut sich immerhin – im Gegensatz zu den anderen Jüngern, die fast alle wegbleiben. Laut dem Bericht im Johannes-Evangelium war noch ein zweiter Jünger (vermutlich Johannes selber) mit dabei (vgl. Joh 18,15).

Petrus folgt den Männern bis in den Innenhof des Palastes des Hohepriesters. Wir wissen nicht genau, was Petrus da zu fürchten hatte. Wäre sein Leben bedroht gewesen wenn man ihn erkannt hätte? Wäre er auch angeklagt worden? Ganz nach dem Motto: «Mitgegangen – mitgehangen»? Auf jeden Fall muss Petrus ziemlich angespannt gewesen sein. 

Und so kommt es, dass Petrus Jesus drei mal verleugnet. Nicht nur einmal, so quasi wie ein «Versehen», dass er gleich bemerkt hätte, sondern gleich drei mal, also so voll und ganz. Und dies trotz der Warnung von Jesus, welche er wenige Stunden zuvor ausgesprochen hatte. Diese Warnung hatte Petrus offenbar vergessen, oder er hat sie verdrängt, weil er ja so überzeugt war, dass Jesus damit völlig falsch liegt.

Reue

Doch dann kräht der Hahn und Jesus blickt zu Petrus. In dem Moment fällt es Petrus wie Schuppen von den Augen und er erinnert sich. Und er ist zutiefst betrübt! «Ich wollte doch nicht und jetzt habe ich trotzdem! Ich bin schwach geworden, obwohl ich doch stark sein wollte!» So oder ähnlich könnten die Gedanken von Petrus in dem Moment gelautet haben.

Es wäre in dem Moment sehr einfach gewesen, dieses Versagen auf die Umstände abzuschieben. Schliesslich muss Petrus müde gewesen sein nach dem langen Tag, mitten in der Nach. Ausserdem war es kalt (siehe Johannes 18,18). Petrus war von der Situation im Garten Getsemane völlig überrumpelt worden und stand wohl noch unter Schock. 

Aber Petrus reagiert anders. Er schiebt die Schuld nicht weg von sich, sondern er weint bitterlich über sein Versagen. Ich glaube, dass Petrus hier aus einer tiefen Reue heraus weinen muss. Es gibt ja Menschen, die in so einer Situation eher über ihren Gesichtsverlust weinen oder weil sie die Konsequenzen fürchten. Aber ich glaube, dass es bei Petrus seine tiefe Reue ist. Ihm wird bewusst, was Jesus bei der Fusswaschung angekündigt hat: Auch Petrus braucht die Vergebung, den Dienst von Jesus. Nicht Petrus gibt sein Leben für Jesus, sondern umgekehrt: Jesus gibt sein Leben auch für Petrus.

Rehabilitation

Doch die Geschichte mit Petrus ist hier zum Glück nicht zu Ende. Petrus will nämlich  immer noch Jesus nachfolgen. Wenig später, als die Frauen das leere Grab entdecken und dann zu den Jüngern eilen und ihnen von Jesu Auferstehung erzählen, da wollen die Apostel das nicht glauben. Nur Petrus und Johannes springen auf und rennen zum leeren Grab. Johannes kommt zuerst an. Doch Petrus ist es, der sich ins leere Grab getraut, um nachzuschauen. Petrus will nach wie vor Jesus nachfolgen!

Aber auch Jesus gibt den Petrus nicht auf. Ganz am Ende des Johannesevangeliums lesen wir, dass die Jünger wieder zu Fischen auf dem See Genezaret gehen (Joh 21,1-19). Da wiederholt sich die Szene von der Berufung ganz zu Beginn ihrer gemeinsamen Zeit. 

Die ganze Nacht über haben sie keine Fische gefangen. Da sehen sie einen Mann am Ufer stehen, der fragt sie, ob sie ein paar Fische für das Frühstück hätten. Auf ihr Nein hin fordert er sie auf, die Netze auf der anderen Seite des Bootes auszuwerfen. Nun, ich bin kein Fischer. Aber auch mir ist klar, dass dieser Ratschlag menschlich gesehen eine Dummheit ist. Wenn die ganze Nacht über kein einziger Fisch ins Netz ging, dann hat es auch auf der anderen Seite des Bootes keine Fische.

Doch es geschieht ein Wunder: Auf einen Schlag sind die Netze übervoll mit grossen Fischen. Da beginnt es den Jüngern zu dämmern. Das hatten sie doch schon mal erlebt. Und sie erkennen Jesus.

Als auch Petrus realisiert, dass der Mann am Ufer Jesus ist, da eilt er Jesus entgegen. Gemeinsam essen sie Frühstück. Und dann fragt Jesus den Petrus: «Hast du mich lieb?» Und Petrus antwortet: «Ja Herr, du weisst, dass ich dich lieb habe.» Darauf Jesus: «Sorge für meine Lämmer.» Das wiederholt Jesus noch zwei mal. So oft, wie Petrus verleugnet hat, so oft setzt Jesus Petrus in den Dienst ein. So rehabilitiert Jesus dem Petrus. Zum Schluss fordert er ihn auf: «Folge mir nach!»

Und wir?

Die Tage habe ich folgendes Zitat gelesen: «Christen sind keine Experten für moralische Höchstleistung. Sie dürfen sich getragen wissen von der barmherzigen Liebe Gottes, der Vergebung und Leben in Fülle schenkt.» (aus Roy Gerber: «Mein Versprechen», erschienen im Fontis Verlag.)

Dieses Zitat passt meiner Meinung nach sehr gut zu der Geschichte von Petrus. Er hat sich immer wieder sehr innig bemüht, Jesus nachzufolgen, mit ganzem Eifer bei der Sache zu sein und vollen Einsatz zu geben. Doch was Petrus vor allem auszeichnet ist, dass er bereit ist, sein Versagen zu erkennen, bittere Tränen darüber zu weinen und zu bereuen. Und so setzt ihn Jesus wieder voll in seinen Dienst ein.

Als Christen müssen wir keine moralischen Superhelden sein. Es ist gut, wenn wir uns um ein Leben bemühen, dass Gott gefällt. Aber es muss uns nicht immer alles gelingen – überhaupt nicht. Es gehört zu unserem Leben dazu, dass wir immer mal wieder auch versagen. Aber wir sollen, wir dürfen ganz ehrlich vor Gott kommen und bereuen, auch bittere Tränen weinen. Dann werden wir seine barmherzige Liebe und seine grosse Vergebung erfahren.

Amen.

Serien

Weitere Predigten

Die Macht der Zunge

10 Oktober 2021
Die Zunge kann viel bewegen, auch viel Schaden anrichten. (Wie) können wir sie im Zaum halten?
Gerade wenn wir leiden, ist es nur zu einfach den Andern – wer auch immer die Andern sind – die Schuld dafür zu geben. Das ist urmenschlich, aber es kommt nicht gut. Wer Schuld auf andere Menschen abschiebt, verliert! Adam beschuldigte seine Frau