Nach dem Bild von Jesus 
gestaltet werden

Datum: Mittwoch, 1. Juni 2022 | Prediger/in:
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Predigttext

«26 So tritt auch der Geist für uns ein und hilft uns in unserer Schwachheit. Wir wissen nicht, wofür wir beten sollen, aber derselbe Geist bittet in unserem Namen, mit Seufzern, die zu tief gehen, als dass sie in Worten ausgedrückt werden könnten. 27 Und der, der die Herzen erforscht, weiss, was der Geist denkt, denn der Geist bittet für Gottes Volk im Einklang mit dem Willen Gottes.
 28 Wir wissen, dass Gott in allen Dingen zum Besten derer wirkt, die ihn lieben, die im Einklang mit seiner Absicht berufen sind, 29 Ihr müsst wissen: Die, die er bereits vorher kannte, hat er auch bereits vorher als diejenigen gekennzeichnet, die nach der Vorlage des Ebenbildes seines Sohnes gestaltet werden sollten, sodass er der Erstgeborene einer grossen Familie sein sollte, 30 Und die, die er bereits vorher gekennzeichnet hat, hat er auch berufen; die Berufenen hat er auch gerechtfertigt; die Gerechtfertigten hat er auch verherrlicht.» Römer 8,26-30 (Übersetzung nach N.T. Wright, Der Römerbrief 1)

Gott hat in der Bibel viele Namen. In diesem Abschnitt hier finden wir eine Bezeichnung für Gott, die einerseits geheimnisvoll und kraftvoll, anderseits aber unter Umständen auch beunruhigend ist. Gott wir nämlich umschrieben als der, der die Herzen erforscht. Hinter dem Wort «Erforscher» steht das Bild von jemandem, der mit einer Fackel durch einen grossen, dunklen Raum schreitet, der voll von allen möglichen Dingen ist. Der diesen Raum erforscht und nach etwas bestimmtem sucht.
Wenn Gott die dunklen Ecken unseres Herzens durchsucht, dann stösst er zweifellos auf alle möglichen Dinge – auch Dinge, die wir lieber im Verborgenen behalten würden. Doch Gott sucht vor allem nach unseren Gebeten, oder hier im speziellen nach dem «Seufzen des Geistes».

In den Abschnitten zuvor hat Paulus beschrieben, dass die Welt in Schmerzen liegt. Er schreibt:

«Wir wissen allerdings, dass die gesamte Schöpfung jetzt noch unter ihrem Zustand seufzt, als würde sie in Geburtswehen liegen.» Römer 8,22 (NGÜ)

Doch nicht nur die Welt sondern auch die Gläubigen teilen diese Schmerzen, auch sie seufzen. Zwar haben sie schon einen Anteil am zukünftigen Erbe als Kinder Gottes erhalten, aber auch sie sind eben doch immer noch Teil dieser unerlösten Welt.
Und so warten die Kinder Gottes zusammen mit der ganzen Schöpfung auf die verheissene Erlösung. Doch bis es so weit ist, leiden auch wir als Kinder Gottes unter unserer sterblichen Existenz. Gerade als Kirche dürfen wir uns von diesem «Schmerz der Welt» nicht fern halten. Denn Gott selber hat das ja auch nicht getan. Er kam in der Person von Jesus Christus mitten in diesen Schmerz hinein. Und nun lesen wir hier, dass auch der Heilige Geist mitten in den Schmerz hinein kommt.

Wenn wir nämlich in diesem Schmerz, in dieser Not beten wollen, aber noch nicht mal wissen, wofür wir beten sollen, dann ist der Heilige Geist unmittelbar am Werk. Dann wirkt der Geist in uns. Nicht so, dass er uns die richtigen Worte und Gedanken fürs Gebet eingeben würde. Sondern er bringt ein Seufzen hervor, das nicht in Worte gefasst werden kann. Der Geist betet für uns in einer Art, die unseren Verstand übersteigt. Gerade dann, wenn wir – mit den Worten von Psalm 23 gesprochen – durch das finstere Tal gehen, dann betet der Geist, der auch dann in unseren Herzen ist, mit unaussprechlichen Seufzern.

Der Geist in unseren Herzen kommuniziert also direkt mit Gott, dem Himmlischen Vater und zwar in einer Weise, die mit dem Willen des Vaters übereinstimmt. Gott versteht, was der Geist sagt, auch wenn wir es nicht verstehen. Gott hört und beantwortet dieses Gebet, das wir nur als schmerzhaftes Seufzen kennen, als Drehen und Wenden unserer unruhigen Gedanken. Unser Denken, oder wir können auch sagen unser eigener Geist, steht vor Gott, unserem Schöpfer, und die Schmerzen und die Rätsel der Welt liegen uns auf der Seele. Und in dieser Not sind wir herausgefordert, diese Art von Gebet auszuüben. Versteht mich richtig: Gebet als Lobpreis von Gott oder als Fürbitte für andere Menschen, Gebet als Bitte um Vergebung, all das ist richtig und wichtig. Es gibt viele Dinge in unserem Alltag, für die wir mit unseren Worten beten können und das auch sollen. Aber es gibt genug andere Dinge und Situationen, wo wir nichts anderes tun können, als in Gottes Gegenwart zu schweigen und zuzulassen, dass der Heilige Geist in uns seufzt und dass der Erforscher der Herzen nach diesem Seufzen sucht und es findet.

Diese besondere Art des Gebetes, wo wir keine eigenen Worte mehr finden, wo wir verstummen und stattdessen der Geist für uns betet, ist nochmals etwas grösseres. Durch diese Art von Gebet werden wir mit hineingenommen in den liebevollen, seufzenden aber auch erlösenden Dialog zwischen dem Heiligen Geist, dem Sohn und dem Vater.
Und in diesem Zusammenhang nun steht der bekannte Vers 28.

«Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.» Römer 8,28 (Luth2017)

Ein Vers, der für viele Menschen, die Jesus Christus nachfolgen, eine wertvolle Verheissung beinhaltet. Viele haben unter anderem auf Grund dieses Verses gelernt, in den vielen verschiedenen und oft beunruhigenden Umständen unseres Lebens Gott zu vertrauen. Die Welt seufzt immer noch, und wir mit ihr. Aber Gott ist in diesem Seufzen bei uns und wird dafür sorgen, dass es gut ausgeht.
Ein Vers aber auch, der – aus dem Zusammenhang gerissen – für Menschen in Not eine grosse Herausforderung sein und zuweilen zynisch klingen kann. Etwa wenn jemand einen schweren Schicksalsschlag erleidet, wie den Tod eines nahen Angehörigen oder eine schwere Krankheit. Wenn da jemand darauf einfach reagiert mit: «Ja weisst du, das wird schon seinen Grund haben, weil wenn du Gott liebst, dann dienen dir alle Dinge zum Besten», dann kann das gehörig schief gehen! Weil der Vers kann ganz schön missverstanden werden.
Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Ihr habt sicher von dem erneuten Schulmassaker in Texas gehört. Da sind nun Eltern, deren Kind durch diesen Attentäter getötet wurde. Und stell dir vor, es käme jemand zu diesen Eltern und würde ihnen sagen: «Wenn ihr Gott liebt, dann werden auch alle Dinge zum Besten dienen, auch der Tod eures Kindes.» Das kann dann so tönen, als würde man das Attentat gut heissen oder Gott unterstellen, dass er das Attentat verursacht hat. Aber beides ist nicht wahr. Diese Tat ist böse. Und wer böses gut nennt, der macht sich mit schuldig. Auch wenn es vielleicht Hintergründe zu dieser Tat gibt, die wir alle nicht kennen und wenn es uns auch nicht zusteht, über den Täter als Menschen zu urteilen. So ist doch seine Tat doch böse und keinesfalls von Gott gewollt.
Aber auch hier gilt: Mitten in dieser unbeschreiblich grossen Not ist Gott mitten drin. Und genau hier kann das passieren, was Paulus beschreibt: Angesichts solch einer Tragödie wissen betroffene Menschen nicht, wie sie da Worte finden sollen, um zu Gott zu beten. Aber dann ist da der Heilige Geist, der genau in solchen Momenten für diejenigen, die an Gott glauben, eintritt. Er vertritt sie vor Gott, er übernimmt dann das Beten. Und so kann aus dieser schlimmen Tragödie Gutes werden. Der Tod unschuldiger Kinder bleibt dabei etwas unvorstellbar Schlimmes! Aber wenn wir uns auch im grössten Leid an Gott festhalten, dann wird er uns zu seinem Ziel führen. Dann werden wir eines Tages bei ihm in der Herrlichkeit sein.

Aber schon jetzt, nicht erst in der Ewigkeit passiert etwas, wenn der Heilige Geist mit diesen unaussprechlichen Seufzern für uns vor Gott eintritt. Im folgenden Vers 29 erklärt Paulus, dass diejenigen, die zu Gott gehören, durch ihn verwandelt werden.
Jesus ist dabei das Vorbild. So wie er als Mensch gelebt hat auf dieser Welt, so sollen auch wir werden. Aber Paulus stellt gleich klar, nicht wir haben das entschieden, dass wir so werden wollen. Sondern Gott hat uns zuerst erwählt. Paulus versucht dieses Geheimnis nicht zu erklären, wie das gehen kann, dass Gott uns schon zuvor gekannt und bestimmt hat und uns trotzdem einen freien Willen lassen kann. Auch an anderen Stellen lässt er das Geheimnis so stehen. Stattdessen erklärt er, was Gott mit uns vor hat. Er will uns umgestalten. Die Menschen, die zu ihm gehören sollen geprägt werden nach dem Vorbild von Jesus. Jesus ist das wahre «Ebenbild» Gottes. Und nach seiner Vorlage sollen wir gestaltet werden, so dass wir als jüngere Schwestern und Brüder zur Familie Gottes passen.

Interessant finde ich dabei, dass dies alles passiv ausgedrückt wird: Nicht wir Menschen passen uns an, oder verändern uns selber, so dass wir wie Jesus werden, sondern wir werden umgestaltet. Und ich glaube, dass dies gerade in diesem ganzen Zusammenhang steht.
Jesus kam mitten in das Leid, die Not und den Schmerz dieser Welt. Er hat sich nicht vor dieser Not verschlossen. Sondern er hat dort, wo er konnte, die Not gelindert und letztendlich hat er all das auf sich genommen und es ans Kreuz getragen.

Da wo wir uns der Not nicht entziehen, sondern auch in allem Leiden treu zu Gott stehen, ich glaube gerade da sind wir Jesus ein Stück ähnlich. Gerade da werden wir durch Not, Schmerzen und Leid hindurch verwandelt in das Bild von Jesus. Und Jesus hat verheissen, dass er diejenigen, die zu ihm gehören, dass er die auch verherrlichen wird. In den folgenden Versen macht Paulus nochmals deutlich, dass uns als Nachfolger von Jesus zwar durchaus schwierige Situationen geschehen können. Dass es aber nichts gibt – auch keine noch so schwierigen Umstände – die uns von der Liebe von Gott trennen kann, die er uns durch Jesus Christus geschenkt hat.

Amen.

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