Jesus beruft seine Nachfolger

Datum: Sonntag, 25. April 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Lukas 6,12-26

Im Zusammenhang mit unserem Thema gibt es verschiedene Begriffe, wie man die Menschen bezeichnet, welche Jesus Christus als ihren Herrn ansehen: 

Schüler: Ein Rabbi (Lehrer) zur Zeit Jesu sammelte Schüler um sich, welche ihm nachfolgten und ihm zuhörten, wo immer er lehrte

Jünger: Bedeutet sprachlich ebenfalls Schüler oder Lehrling. «Jünger» wird vor allem in Bezug auf die Schüler von Jesus (zum Teil auch von Johannes dem Täufer) verwendet. Anders als bei den Schülern eines Rabbis, welche sich selber beworben haben, hat Jesus seine Jünger berufen. Es gab unterschiedliche Kreise von Jüngern: Zum einen die Zwölf, wie sie auch im heutigen Predigttext vorkommen. Anderseits gibt es eine weit grössere Gruppe von Jüngern, welche Jesus folgen und zu der auf Frauen wie Maria aus Magdala, Johanna und Susanna (Lk 8,2-3) gehörten. 

Apostel: Ist wörtlich ein Bote, ein Abgesandter. Auch dieser Begriff wird sowohl im engeren Sinne (die zwölf Apostel) wie auch in einem weiteren Sinne (Apostel als eine Dienstgabe vgl. 1.Kor 12,28) verwendet. 

Nachfolger: Jesus forderte Menschen auf: «Komm und folge mir nach». Das meinte Jesus sehr wörtlich. 

Für unsere Serie haben wir den Begriff «Nachfolgen» gewählt, weil er in unseren Augen anschaulich ist und deutlich macht, dass es hier um eine praktische Bewegung geht, um ein fortlaufendes Training, das auf ein Ziel hinzu geht. Es geht nicht nur um Aneignen von Wissen.

Und in der «Folge» steckt auch eine fortlaufende Reihe drin. Natürlich folgt ein Nachfolger von Jesus zunächst einmal Jesus. Aber da Jesus an Auffahrt zurück zum Vater in den Himmel gekehrt ist, folgt ein Nachfolger eben auch einem anderen Nachfolger. Paulus erklärt das Thimoteus so:

  • »Und was du von mir in Gegenwart vieler Zeugen gehört hast, das vertraue treuen Leuten an, welche tüchtig sein werden, auch andere zu lehren« (2. Timotheus 2,2)

Da ist also eine Linie: Jesus ist Paulus vor Damaskus direkt begegnet und hat ihn zur Nachfolge berufen. Nun hat Paulus sein Wissen ganz praktisch an Timotheus weitergegeben. Dieser wiederum soll das ihm anvertraute weitergeben an treue Leute, welche wiederum in der Lage sind, es ihrerseits an andere weiterzugeben. Und so solle es weitergehen bis heute. Ein Nachfolger ist einerseits Schüler von jemandem, der schon vor ihm die gute Nachricht empfangen hat. Er folgt quasi seinem Lehrer nach. Und anderseits wird es selber zum «Lehrer», der wiederum andere Nachfolger anleitet und das, was er empfangen hat, weitergibt. 

Jesu Reden an die Jünger (Feldrede und Bergpredigt)

In unserer Serie setzen wir uns schwerpunktmässig mit der Feldrede von Jesus auseinander. Jesus hat seine Jünger in den drei Jahren, in denen er mit ihnen unterwegs war, vieles gelehrt. In den Evangelien sind davon zwei grössere Reden oder Predigten überliefert. Zum einen finden wir in Matthäus 5 bis 7 die sogenannte Bergpredigt. Und dann gibt es im Lukasevangelium im Kapitel 6 die «Feldrede» von Jesus. Inhaltlich gibt es einige Parallelen zwischen den beiden Reden. Bei Lukas (6,17) heisst es aber ausdrücklich, dass Jesus von einem Berg herunterkam auf einen ebenen Platz und dort lehrte (deshalb Feldrede). Während die Bergpredigt eben auf einen Berg oder Hügel gehalten wurde. Es ist anzunehmen, dass Jesus die Anliegen, welche ihm besonders wichtig waren, seinen Jüngern mehr als nur einmal erklärt hat. Und so gehe ich davon aus, dass es zwei verschiedene Reden sind, die aber mehr oder weniger das selbe Thema zum Inhalt haben, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten.

Was auffällt ist, dass beide Reden sehr herausfordernd sind, geradezu revolutionär! Wenn man die Bibel schon länger kennt, vielleicht auch damit aufgewachsen ist, dann schaut man oft vieles für selbstverständlich an, hat sich an vieles schon «gewöhnt». Aber ich glaube, wenn jemand das Neue Testament überhaupt nicht kennt und dann liest er es zum ersten Mal, dann wird er erkennen, wie revolutionär und radikal dieses Buch ist!

Wir sollten nicht vergessen, das Neue Testament wurde geschrieben, um die Welt zu verändern! Nichts weniger! Und zwar soll es die Welt von Grund auf verändern. Und das beginnt damit, dass sich die Nachfolger von Jesus – also auch wir, falls wir uns dazu zählen – von Grund auf verändern lassen. Deshalb ist «Nachfolger sein» etwas, was unglaublich herausfordert!

Hast du dir schon mal vorgestellt, wie das damals war, als Jesus auf der Erde lebte und seine Jünger um sich versammelt hat? Das wäre doch noch spannende gewesen damals, oder? So einfach alles stehen und liegen lassen und Jesus höchst persönlich nachfolgen. Ein wenig durch Israel wandern und am Abend ums Lagerfeuer sitzen und Jesus zuhören. Das tönt doch sehr romantisch und spannend, nicht?

Nur das ist ein ziemlich falsches Bild von Nachfolge! Es war eher eine harte Erfahrung, in der die Jünger ihre eigene Sündhaftigkeit und ihre Verfehlungen und Fehler erkannten und sie auf einen Weg der Verfolgung, der Leiden und des Todes berufen wurden. Wenn wir die Reden von Jesus wirklich genau lesen, dann merken wir, dass die Anforderungen, welche Jesu stellt, menschlich unmöglich zu erfüllen sind. Letzte Woche hat Ben auch über die Feindesliebe gesprochen. Dabei hat er schon darauf hingewiesen, dass wir dies letztlich nicht aus unserer eigenen Kraft heraus leben können - unmöglich.

Nachfolge ist also etwas sehr herausforderndes. Das Christentum ist ein Leben radikaler Jüngerschaft, aufopfernden Dienstes und völliger Hingabe an den Sohn Gottes. Es bedeutet, zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit zu trachten.

Der amerikanische Theologe A. W. Tozer sagt das so:

«Unser Herr hat Menschen aufgefordert, ihm nachzufolgen, aber er hat niemals gesagt, der Weg würde einfach sein. Tatsächlich gewinnt man den deutlichen Eindruck, dass er die Nachfolge extrem schwierig darstellte.»

Die Auswahl der Jünger

Bevor Jesus die wichtige Entscheidung trifft, wer in den engeren Kreis der Zwölf kommen soll, zieht er sich auf einen Berg, also in die Einsamkeit, zurück und betet eine ganze Nacht zu seinem himmlischen Vater. Wichtig Entscheidungen trifft Jesus also immer in Rücksprache mit dem Vater. Dann am nächsten Tag wählt Jesus Zwölf aus. Es heisst da ausdrücklich, dass er aus den Jüngern Zwölf auswählte. Das bedeutet, Jesus hatte schon da mehr als zwölf Jünger, wie oben schon erwähnt.

Die Zahl zwölf ist in verschiedener Hinsicht bedeutend. Zum einen sind da natürlich die zwölf Stämme Israels. Die Zwölf Jünger stehen symbolisch für das erneuerte Volk Gottes.

Zwölf ist aber auch eine Anzahl, die Jesus überblicken kann. Er kann zwar vor Tausenden predigen (etwa bei der Speisung der 5000). Aber praktisch anleiten und persönlich fördern und fordern kann auch Jesus nicht so viele auf einmal.

Aber noch etwas anderes ist entscheidend. Die kleine Anzahl an engsten Jüngern macht deutlich: Aller Erfolg ist Gott selber zuzuschreiben. Wie damals bei Gideon, als Gott das ohnehin schon kleinere Heer von Israel gleich zwei mal verkleinert, bis es winzig ist im Vergleich zum Heer der Feinde. Damals machte Gott Gideon deutlich, dass er, der Herr, die Feinde besiegt und nicht die Israeliten. Und so ist es auch bei den Zwölf Jüngern: Dass sich das Evangelium nach dem Tod von Jesus in der ganzen Welt verbreitet hat, das liegt nicht an den vielen, erfolgreichen Jüngern, sondern das ist Gottes Werk. 

Auffällig ist auch, dass Jesus zwölf sehr unterschiedliche Menschen ausgewählt hat. Da sind Brüder, da sind einfache Handwerker, «normale» Durchschnittsmenschen aus dem Volk Israel, aber auch besondere, so wie Simon, der Zelot (oder Eiferer), der vermutlich früher zur gewaltbereiten Partei (oder Sekte) der Zeloten gehört hatte. Und selbst Judas Iskariot, den späteren Verräter hat Jesus in den Kreis der Zwölf ausgewählt.

Nach dieser Wahl gab es aber keine grosse Feier und auch keine lange Theorie im «Schulzimmer», sondern direkt eine Ausbildung «on the Job». Es geht gleich los! Zusammen steigen sie vom Berg herunter auf das flache Feld und werden gleich von weiteren Jüngern und von ganz viel Volk umringt. Und Jesus macht es gleich vor. Er zeigt ihnen, wie es aussieht, wenn jemand in echter Vollmacht lehrt und heilt. Das war so offensichtlich anders, so beeindruckend und überwältigend, dass die Leute gleich bemerkten, dass heilende Kraft ausging von Jesus!

Und dann beginnt Jesus mit seiner Predigt. Als erstes nennt er die Menschen glückselig, welche in Armut leben und welche Hungern. Während es in der Bergpredigt um Menschen ging, welche im übertragenen Sinne arm sind, geistlich oder auch geistig, so geht es hier bei Lukas ganz klar um Menschen, die tatsächlich materiell arm sind. Und es geht um Menschen, die wegen ihres Glaubens an Jesus leiden müssen, verspottet und gehasst werden. 

Was löst das bei dir aus? Ich finde das herausfordernd. Denn ich bin zwar nicht superreich, gehöre aber als Schweizer doch zu den reichsten 2% der Weltbevölkerung. Ich habe noch nie in meinem Leben wirklich Hunger gelitten. Und verspottet wurde ich auch noch nie so wirklich richtig wegen meinem Glauben, höchstens mal schräg angeschaut. 

Jesus, der in der Herrlichkeit bei seinem Vater unermesslich reich war, wurde arm um unseretwillen. Und so sollen auch seine Jünger arm um des Nächsten willen, um des Glaubens willen werden. Natürlich ist es ok, für die eigenen Grundbedürfnisse zu sorgen, das taten auch Apostel wie Paulus (als Zeltmacher). Aber Jesus warnt die Reichen, welche ihren Reichtum horten, statt ihn für das Reich Gottes einzusetzen. Stattdessen würden sie besser ihren Überfluss ins Reich Gottes investieren, in himmlische Schätze. Doch schaffen wir Menschen das aus unserer eigenen Kraft? Oder ist das letztlich menschlich gesehen unmöglich – nur mit der Hilfe Gottes möglich?

Amen

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