Jahreslosung 2021 – Barmherzigkeit

Datum: Sonntag, 3. Januar 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Lukas 6,36

Die Jahreslosung 2021 steht in Lukas 6,36 und lautet:

Jesus spricht: «Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.»

Das tönt doch eigentlich ganz nett. Eine aufbauende Jahreslosung, nach einem Jahr wie 2020 können wir das ja wohl alle brauchen. 

Doch etwas herausfordernder wird es, wenn wir den Zusammenhang beachten, in dem dieser Vers steht. Im Kapitel 6 von Vers 20-49 finden wir bei Lukas eine kürzere Version der Bergpredigt wie man sie aus Matthäus 5 bis 7 kennt.

Auch bei Lukas beginnt der Text mit sogenannten «Seligpreisungen». Das heisst, Jesus zählt auf, wer selig oder anders gesagt glücklich zu nennen ist. Lukas nennt hier die Armen, die Hungrigen, die Weinenden und diejenigen, welche wegen ihrem Glauben an Jesus ausgegrenzt und beschimpft werden. Also Menschen, denen es jetzt schlecht geht, die arm sind. Sie sind als glücklich zu bezeichnen, weil auf sie eine grosse Belohnung wartet – nicht hier auf dieser Welt, sondern dann im himmlischen Reich Gottes. Auf der anderen Seite werden jene gewarnt, die reich, satt und lachend sind und die von den Menschen dieser Welt gelobt werden. All das ist vergänglich.

Und dann fährt Jesus mit einem Thema weiter, das mich enorm herausfordert: Er redet von der Feindesliebe. In den Versen 27 und 28 heisst es:

«Aber euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen; segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch Böses tun.» (NGÜ)

Ich soll dem Gutes tun, der mich hasst, den segnen, der mich verflucht, beten für jene, die mir böses tun? Also ganz ehrlich, das fordert mich enorm heraus! Beim Vorbereiten habe ich mir dann auch ganz konkret überlegt: Wer hasst mich denn? Das ist noch schwierig. Denn eigentlich will ich mich ja so verhalten, dass mich niemand hasst. Auch Jesus sagt drei Verse weiter:

«Handelt allen Menschen gegenüber so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet.» Lukas 6:31 (NGÜ)

Aber wenn ich mich so verhalte, wie ich gerne hätte, dass sich die anderen mir gegenüber verhalten, dann gibt es für sie doch kein Grund, mich zu hassen, oder?

Und dann ist mir etwas aufgefallen: Wer sind die Feinde der Jünger? Es sind die Menschen, welche sich gegen Gott auflehnen. Jesus selber hatte absolut vorbildlich gelebt. Er hat keinen einzigen Menschen ungerecht behandelt, niemandem etwas Böses getan. Und doch wurde er von Menschen heftig angefeindet. Doch diese Anfeindung galt nicht Jesus als Mensch, sondern Jesus als Sohn Gottes. Auflehnung gegen Jesus ist Auflehnung gegen Gott. 

Bei den Jüngern ist das ähnlich. Sie selber leben natürlich nicht fehlerlos. Durch die ganze Kirchengeschichte hindurch gab und gibt es Nachfolger, welche grosse Fehler gemacht haben und bis heute machen. Und das wird diesen dann auch zu recht vorgeworfen. Aber Jesus redet davon, dass seine Nachfolger angefeindet werden, auch wenn sie sich korrekt verhalten. Und dann gilt die Anfeindung nicht eigentlich den Jüngern, sondern Gott selber. 

Und wie sollen die Jünger nun mit diesen Feinden umgehen? Sie sollen sie lieben. Aber bedeutet das nicht, dass man dann ihre Bosheit damit letztlich unterstützt oder zumindest gut heisst? Nein! Böse bleibt böse. Aber wenn wir uns die Gegenwart und die Vergangenheit anschauen, dann sehen wir, dass man Gewalt nie durch Gegengewalt besiegen kann. Man kann sie zwar eindämmen, aber sobald die «Kontroll-Gewalt» weg ist, dann bricht das Verbrechen wieder auf. Das kann man aktuell gut beobachten in all den Ländern, in denen die UNO oder die USA mit militärischen Truppen einmarschiert sind, um Krieg und Gewalt zu stoppen. Sobald die Truppen wieder abgezogen werden, bricht der Konflikt wieder aus.

Jesus lehrt uns, dass nur die Liebe letztlich das Böse und die Gewalt überwinden kann. Doch das ist ein sehr herausfordernder Weg. Manchmal kann es ja reichen, dass man sich auf Grund der Liebe anders verhält, als der «Feind» erwartet. Dadurch, dass man sich selber auf Gewalt verzichtet, kann manchmal der andere zum Nachdenken gebracht werden. Oder dadurch, dass man den anderen Menschen nicht richtet, ihn nicht verurteilt, kann aus einer Situation statt ein Konflikt ein Dialog, ein Gespräch werden. Wo die Fronten noch nicht verhärtet sind, da ist das gut möglich.

Doch hier in der Bergpredigt spricht Jesus von echten Feinden, von solchen, die wirklich böses tun. Hier wird die Feindesliebe echt herausfordernd. Aber auch hier gilt, dass das Böse letztlich nur mit Liebe überwunden werden kann. Besonders herausfordernd finde ich, dass Jesus hier nichts dazu sagt, was mit den Feinden geschieht, die man lieben soll. Er verspricht hier nicht, dass die Feinde dann umkehren und gar zu Freunden werden. Er verspricht noch nicht mal, dass sie von ihrem bösen Tun ablassen. Jesus verspricht nur, dass eine grosse Belohnung von Gott her auf die wartet, welche sich so verhalten. Und dass sie Söhne und Töchter des Höchsten heissen werden:

«Nein, gerade eure Feinde sollt ihr lieben! Tut Gutes und leiht, ohne etwas zurückzuerwarten. Dann wartet eine große Belohnung auf euch, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.»
Lukas 6,35 (NGÜ)

Die Begründung, weshalb wir unsere Feinde lieben sollen, die liegt hier also schlicht darin, dass es Gott genauso macht: Auch er ist gütig gegen die Bösen und die Undankbaren. 

Barmherzigkeit

Und in diesem Zusammenhang steht nun die Jahreslosung 2021. Der nächste Vers ist nun nämlich die Jahreslosung: «Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.»

Als ich mich in der Vorbereitung mit der Jahreslosung auseinandergesetzt habe, da habe ich unter anderem auch nach Bildern und Grafiken zur Jahreslosung gesucht. Es ist ja mittlerweile so, dass jeder christliche Verlag eine oder mehrere Postkarten, Poster und sonstige Artikel mit der Jahreslosung verkauft. Und da gibt es dann für jeden Geschmack etwas. Oft auch kombiniert mit einigen Gedanken des Künstlers. Und ich kann das echt nur empfehlen. Falls ihr euch zuhause noch mehr mit der Jahreslosung auseinandersetzen wollt, dann googelt mal danach. Da findet man echt gute Sachen.  Mich persönlich hat dieses Jahr eine etwas spezielle Darstellung der Jahreslosung besonders angesprochen. Es ist eher fast schon ein Rätsel. Zwei Symbole und ein paar Buchstaben, die zusammen ein Wort bilden.

Ich musste einen Moment überlegen, was das jetzt genau soll. Aber dann fand ich es sehr passend. Da steckt drin ein Arm und ein Herz drin. Und das passt inhaltlich voll zur Bedeutung von «Barmherzig». Das Wort meint nämlich ursprünglich «ein Herz für die Armen haben» oder «sein Herz bei den Armen haben». Althochdeutsch hiess das Wort «armherzi». Im Verb «sich erbarmen» steckt das ja heute noch drin. 

Wenn also «arm» im Wort «barmherzig» eigentlich arme Menschen meint und nicht den Körperteil, so gefällt es mir doch. Weil Barmherzigkeit eben gerade den Arm bewegt. Doch dazu gleich noch mehr.

Zunächst einmal finde ich es sehr wichtig, dass die Grundlage für unsere Barmherzigkeit die Barmherzigkeit Gottes ist. Gott ist barmherzig. Durch die ganze Bibel hindurch wendet sich Gott immer wieder den Armen zu. Er hat ein ganz besonderes Anliegen für die Menschen in Not. Und dabei geht es durchaus auch um materielle Not. Gott wendet sich besonders den Armen zu und er fordert sein Volk dazu auf, es ihm gleich zu tun. Es gibt im AT unzählige Gebote, welche dafür sorgen sollen, dass gerade die Armen nicht zu kurz kommen, dass sie trotz allem ein würdiges Leben führen können. Und auch Jesus fordert seine Nachfolger dazu auf, sich um Arme und Bedürftige, um die Witwen und Waisen zu kümmern. 

Aber nicht nur für materiell Arme hat Gott ein Herz. Auch für alle andere Not. Jesus sagt das so: 

Jesus erwiderte: «Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Geht und denkt einmal darüber nach, was jenes Wort bedeutet:‹Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer!› Dann versteht ihr, dass ich nicht gekommen bin, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.» Matthäus 9:12-13 (NGÜ)

Gott übt Barmherzigkeit und darum wendet er sich uns verlorenen Menschen zu. Barmherzigkeit hat also mit Bewegung zu tun. Es ist nicht ein Beobachten aus der Ferne. Barmherzigkeit ist eine Bewegung:

Das Herz wird durch die wahrgenommene Not angerührt, die Gefühle angesprochen und daraus entsteht dann eine Handlung. Und zwar beugt man sich in die wahrgenommene Not herab. Das ist genau das, was Gott für uns Menschen getan hat: Er ist aus dem Himmel herab zu uns Menschen gekommen, hat sich in unsere Not gebeugt. Und das nicht irgendwie so von oben herab, «gönnerhaft», sondern ganz aus sich herausgehend. Paulus sagt das im Philipperbrief so: Jesus hat sich «entäussert» (Philipper 2,7), wurde selber zum Diener und ist für uns eingetreten.

Das sind die Kennzeichen von Barmherzigkeit: Sie lässt sich bewegen von der Not der Armen und tritt für sie ein.

Das Herz wird angesprochen und der Arm setzt sich in Bewegung, tut etwas. Und hier sind wir nun herausgefordert in diesem Jahr 2021, wo wir unser Herz ansprechen lassen und unseren Arm in Bewegung setzen wollen. Möglichkeiten dazu gibt es mehr als genug. Sei das materielle Armut, sei das moderne Sklaverei, sei das andere Ungerechtigkeit oder auch gesundheitliche Einschränkungen oder Einsamkeit. Und noch sehr viel mehr. 

Aber ich wünsche mir und uns, dass wir auch im Jahr 2021 unser Herz durch die Not nicht hart werden lassen, sondern uns auf Not einlassen und unseren Arm dort, wo es uns möglich ist, in Bewegung setzten lassen.

Amen.

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