In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit

Datum: Sonntag, 25. Dezember 2022 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext:

Was feiern wir eigentlich an Weihnachten? Also klar, die Geburt von Jesus – auch wenn immer weniger Menschen in der Schweiz über den christlichen Glauben Bescheid wissen, so ist das doch wohl noch etwas, das verhältnismässig vielen Menschen bekannt ist. Zumindest so als Schlagwort.
Aber wenn wir uns dann anschauen, wie gefeiert wird, dann stellt sich schon die Frage, ob diese Botschaft tatsächlich angekommen ist.
Zumindest in der Werbung oder in den kitschigen Hollywood-Filmen aber auch in vielen weihnachtlichen Geschichten da hat man den Eindruck, dass vor allem die (vermeintlich) heile Familie im Zentrum steht und gefeiert wird. Alle sind glücklich und kommen für eine gute Zeit zusammen, geniessen die Gemeinschaft, das gute Essen und die vielen Geschenke. Das alles in einem schön dekorierten, warm geheizten und von vielen Kerzen erleuchteten Wohnzimmer.
In der Vorbereitung habe ich mir so gedacht, das ist schon ziemlich weit entfernt einerseits von dem allerersten «Weihnachten», als Jesus zur Welt kam. Anderseits auch weit entfernt von dem, wie Generationen von Menschen vor uns Weihnachten gefeiert haben. Ganz am Anfang in den ersten Gemeinden da hat man – soweit wir das heute wissen – die Geburt von Jesus nicht extra gefeiert. Als Fest stand da vor allem Ostern im Zentrum – Tod und Auferstehung von Jesus. Erst etwa um das Jahr 350 begannen die Christen auch die Geburt von Jesus zu feiern. Diese wurde dann im Westen auf den 25. Dezember gelegt. Das ist bekanntlich der kürzeste Tag oder anders gesagt, der dunkelste Tag im Jahr. In unseren Breitengraden auch mitten im Winter, wo es feucht und kalt ist. Winter bedeutete für die Menschen in früherer Zeit aber nicht nur Kälte – die einfache Bevölkerung konnte es sich oft nicht leisten zu heizen und auch herrschaftliche Häuser liessen sich lange Zeit mehr schlecht als recht heizen – sondern auch Nahrungsknappheit. Man lebte vor allem von den Vorräten – nicht unbedingt die Zeit für grosse Festessen.
Doch genau in diese dunkle, kalte und entbehrungsreiche Zeit setzten die Krichenväter wie einen Gegenpol das Weihnachtsfest. Da wo die Dunkelheit am grössten ist, da scheint das Licht am hellsten, wo die Kälte am stärksten ist, da wärmt die Liebe am meisten. Ein Fest also ganz bewusst in schwieriger Zeit.
Doch was hat unsere Gesellschaft heute daraus gemacht? Eigentlich wird eine heile Welt zelebriert, vorgetäuscht. Man feiert oft eigentlich sich selber.
Nur wenn unsere Welt tatsächlich so heil wäre, wie es vielerorts an Weihnachten gefeiert wird, dann hätte Jesus ja gar nicht kommen müssen! Aber Jesus kam, weil die Welt eben gerade nicht heil ist. Er kam weil die Dunkelheit gross war und immer noch ist. Im Lobpreis von Zacharias (dem Vater von Johannes des Täufers) heisst es vorausschauend:

«Darum wird auch der helle Morgenglanz aus der Höhe zu uns kommen, um denen Licht zu bringen, die in der Finsternis und im Schatten des Todes leben, und um unsere Schritte auf den Weg des Friedens zu lenken.» Lukas 1,78b-79 (NGÜ)

Jesus kam, weil die Not unter den Menschen gross war, und es immer noch ist. Er kam, um die Kranken, die Verwundeten an Leib und Seele zu heilen.
In einem Lied, das ich vor ein paar Tagen zugesandt bekommen habe, da heisst es sehr treffend:

Just because it’s Christmas

Doesn’t mean your heart don’t hurt
Just because it’s Christmas
Doesn’t mean there’s peace on earth

Nur weil Weihnachten ist
bedeutet nicht, dass dein Herz nicht schmerzt

Nur weil Weihnachten ist

bedeutet nicht, dass Friede auf Erden ist

Mich haben diese Worte sehr bewegt, weil sie eine tiefe Wahrheit aussprechen, die an Weihnachten schnell mal vergessen geht. Im Refrain heisst es dann

«Bring dein verwundetes Herz zur Krippe,
fall nieder zu den Füssen des Königs
Wenn die Faszination der Hoffnung dich nicht findet,
liebt er dich trotzdem genauso
Du musst nicht wohlauf sein, nur weil Weihnachten ist.»

Quelle: https://youtu.be/ngeNWUJjnjQ

An Weihnachten geht es nicht darum eine Show abzuliefern, so zu tun, als sei alles okay. Genau nicht! Jesus ist ja gerade gekommen, weil nicht alles okay ist und er ist speziell für die Menschen gekommen, wo nicht alles okay ist!

Mitten in eine Situation, wo auch nicht alles okay ist, spricht unser heutiger Predigttext hinein. Es ist nicht unbedingt ein typischer Weihnachts-Text. Aber ich glaube, dass er genau deshalb uns heute etwas zu sagen hat. Ich lese uns aus dem Brief an die Kolosser Kapitel 2, die Verse 1-10.

Eine Bemerkung zum Hintergrund: Epaphras, ein Mitarbeiter von Paulus, hat Paulus über die Gemeinde in Kolossä informiert (vgl. Kol 1,7f). Daraufhin hat nun Paulus einen Brief an die Gemeinde geschrieben. Darin geht es unter anderem darum, dass es im Umfeld der Gemeinde Irrlehrer gibt. Diese wollen die Gläubigen vom richtigen Weg abbringen. Und darum schreibt Paulus diese Zeilen.

Spannend finde ich, wie Paulus sein Anliegen formuliert. Er macht zuerst deutlich, dass er um die Gemeinde kämpft. Die Gläubigen dort sind ihm nicht egal. Er will auch nicht einfach aus der Ferne kritisieren, zurechtweisen oder warnen, sondern er bringt zum Ausdruck, wie sehr er sich mit der Gemeinde verbunden fühlt – egal ob es nun Menschen sind wie Epaphras, die er persönlich kennt oder ob es Gläubige sind, die er nicht persönlich kennt. Paulus ringt um sie. Sie liegen ihm auf dem Herzen. Und das ist der Grund, weshalb er ihnen schreibt.

Er möchte, dass die Gläubigen ermutigt und gestärkt wird und dass die ganze Gemeinde in Liebe zusammenhält. Denn nur gemeinsam, mit diesem Zusammenhalt wird es erst möglich, ein immer grösseres Verständnis zu bekommen für das «Geheimnis Gottes».

Grundsätzlich ist für uns Menschen der Wille Gottes ein Geheimnis. Wir können nicht Gottes Gedanken lesen. Aber Gott hat sich entschieden, uns an diesem Geheimnis teilhaben zu lassen. Dieses Geheimnis offenbart er uns in Jesus Christus. In Jesus Christus wird für uns Gottes Wille, ja Gott selber sichtbar! Und da sind wir dann ganz bei Weihnachten. Wir feiern heute, dass Gott sich entschieden hat, uns seinen Willen zu offenbaren, indem er seinen eigenen Sohn, Jesus Christus, zu uns auf die Welt gesandt hat. Er hat seinen Sohn als Baby auf die Welt gesandt. Das ist recht unscheinbar geschehen. Geboren von einer – menschlich gesehen – total unauffälligen jungen Frau, an einem – weltpolitisch gesehen – eher unbedeutenden Ort. In sehr einfachen Verhältnissen – Stichwort Futterkrippe und Windeln. Doch dieser Schein trügt! Denn in Jesus Christus sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen. Alle Schätze – das ist eine gewaltige Aussage. Doch sie sind verborgen. Das heisst, man kann daran vorbei gehen, ohne es zu merken. Wie viele Menschen auf dieser Welt feiern heute Weihnachten, die Geburt von Jesus Christus, ohne zu bemerken, dass in diesem Kind in der Krippe das ganze Geheimnis Gottes gegenwärtig ist.

Nur wer sich ganz persönlich Jesus anvertraut, der hat Zugang zu diesem verborgenen Schatz! So ist der Schatz auch vor Missbrauch geschützt.

Anders als die Gläubigen damals in Kolossä haben wir heute durch das Neue Testament und speziell durch die Evangelien einen ganz besondern Zugang zu diesem Schatz. Indem wir bewusst Zeit mit Jesus verbringen, im Lesen der Bibel, im Gebet, in der Stille vor ihm, aber auch in praktischer Liebe und Nachfolge können wir Stück für Stück mehr von diesem Geheimnis entdecken. Dazu hilft uns der Heilige Geist. Doch Paulus macht auch deutlich, dass es dazu die Gemeinschaft unter Gläubigen, diesen Zusammenhalt in Liebe braucht.

Ein Grund, weshalb es diesen Zusammenhalt braucht, ist die traurige Tatsache, dass es in dieser Welt Menschen gibt, welche die Gläubigen in die Irre führen wollen (oft ohne es selber zu merken). Ihre Argumente scheinen klug, aber sie sind nichts als Trug. Paulus spricht hier von Philosophen. Mit der Philosophie meint er aber nicht nur die griechische, also heidnische Philosophie. Es gab damals auch jüdische Gelehrte, die sich im heidnischen Umfeld, in dem sie lebten, als Philosophen bezeichneten.
Gerade diese jüdischen «Philosophen» waren keine plumpe Gottes-Leugner. Sie waren gebildete Männer, die sich eingehend Gedanken gemacht haben über Gott, das Sein und den Sinn des Lebens. Es waren «Lehrer», welche die Bibel kannten, und ausführlich studiert hatten, die aber andere, fremde, heidnische Gedanken in ihre Auslegung hinein brachten. Sie vermischten den jüdischen Glauben mit Elementen aus anderen Religionen. Und gerade diese Mischung, die Ähnlichkeit mit dem wahren Glauben hatte, war gefährlich (und ist es bis heute).

Mir ist dabei wichtig: Die griechischen Philosophen haben viel Bedenkenswertes hervorgebracht. Sie haben sich die Welt gut angeschaut, überlegt, geordnet und durchdacht. Bis heute gibt es Leistungen der griechischen Wissenschafter (welche Paulus pauschal Philosophen nennt), welche immer noch Gültigkeit haben. Denken wir etwa an den Satz des Pythagoras, den noch heute jeder Schüler lernt. Das sind gute Leistungen. Aber alle diese Erkenntnisse geben keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Wer in der Philosophie Hilfe sucht in menschlicher Not, der findet dort keine echte Hilfe. In dem Sinne ist die Philosophie leer.
Auf die Fragen des Sinnes aber auch der Erlösung kann nur Gott in Jesus Christus uns eine bleibende verlässliche Antwort geben.

Die Kolosser haben sich bereits für Jesus entschieden, diese Frage ist geklärt. In der Folge nun sollen sie ihr ganzes Verhalten immer wieder neu darauf ausrichten. Sie sollen tiefe Wurzeln schlagen, indem sie das bewahren, was sie gelernt haben. Tiefe Wurzeln sind die Voraussetzung zum Wachsen. Und sie sollen auch wachsen. Die einzelnen Menschen und damit auch die ganze Gemeinde soll aufgebaut werden. Denn Wachstum ist nötig, damit Wurzeln tiefer und stabiler werden können.

All das ist jedoch nicht die Leistung der Kolosser. Sie haben es von Gott beschenkt bekommen. Darum sollen sie auch dankbar bleiben, das schützt vor Überheblichkeit.

Amen

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