Ihr sollt vollkommen sein

Datum: Sonntag, 27. Juni 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 5,17-48

Ein Personalverantwortlicher hat mal gesagt: «Menschen werden wegen ihrer Kompetenzen eingestellt, aber wegen ihrem Charakter entlassen.» Und er riet seinen Zuhörern bei Personalentscheidungen, egal ob im beruflichen Umfeld oder auch in Vereinen und anderen Organisationen in erster Linie auf den Charakter zu achten. Er sagte weiter: «Das nötige Know How und die Fähigkeiten können wir den Angestellten in unserer Firma verhältnismässig leicht beibringen, sie darin schulen. Aber am Charakter etwas zu verändern, das ist sehr viel schwieriger und aufwändiger.»

Daran habe ich mich in der Predigtserie über «Nachfolge» immer mal wieder erinnert. Eigentlich ist die Serie ja abgeschlossen. Bei der Planung der Serie hatten Ben und ich uns mal auf fünf Predigten festgelegt und Themen aufgeteilt. Als Schwerpunkt hatten wir da die Feldrede aus dem Lukasevangelium gewählt. Doch es liegt auf der Hand, ein so grundlegendes Thema wie «Nachfolge» ist nicht mit fünf Predigten abgehandelt. Und so greife ich heute Morgen einen Text auf, der in der Feldrede so nicht vorkommt, dafür aber in der Bergpredigt von Jesus, wie wir sie bei Matthäus nachlesen können.

Der Text ist ziemlich lange, fast das ganze Kapitel 5. Deshalb lese ich ihn auch nicht am Stück vor, sondern immer mal wieder einen Abschnitt daraus. Wer seine Bibel dabei hat, der kann jeweils gerne mitlesen. Der Text startet bei Matthäus 5,17.

In diesem Text geht es auch um Charakter. Doch das sieht man möglicherweise erst auf den zweiten Blick. Als erstes fällt einem das Stichwort «Gesetz» auf. 

  • «Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz oder die Propheten ausser Kraft zu setzen. Ich bin nicht gekommen, um ausser Kraft zu setzen, sondern um zu erfüllen.» Matthäus 5,17 (NGÜ) 

Dabei meint die Wendung «Gesetz und Propheten» ja auch stellvertretend das ganze alte Testament. Das Gesetz meint dann die fünf Bücher Mose, nicht nur einzelne Regeln oder Gebote. Jesus will also nicht das Alte Testament – und damit natürlich auch die Gebote und Weisungen – abschaffen, sondern er will es erfüllen. Er sagt sogar, dass nicht der kleinste Buchstabe vom Gesetz vergehen wird, bis alles geschehen ist. Er fordert seine Jünger dazu auf, die Gebote zu lehren und vor allem auch selber zu halten. Und dann kommt ein sehr herausfordernder Satz:

  • «Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.» Matthäus 5,20 (Luth2017)

Und am Schluss des Abschnittes steigert Jesus die Aussage nochmals:

  • «Ihr aber sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.»
    Matthäus 5,48 (NGÜ)

Wenn also das Leben der Jünger der Gerechtigkeit Gottes nicht besser entspricht, als das Leben der Schriftgelehrten und der Pharisäer, dann werden sie nicht Teil von Gottes Königreich (so übersetzt NGÜ). Und dann konkretisiert Jesus, was das genau bedeutet. Es folgen etliche Beispiele, die alle gleich aufgebaut sind. Sie beginnen mit «Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist …» und dann folgt ein Gebot aus dem Alten Testament. Mit «den Alten» sind die Vorfahren gemeint. 

Darauf fährt Jesus weiter mit «Ich aber sage euch: …». In der Auslegung dieser Texte hat man früher oft gesagt, dass es sich dabei um sogenannte Antithesen handle. Also dass Jesus quasi die Gebote aus dem Alten Testament aufhebt und durch neue, strengere Gebote ersetzt. Ich glaube aber dass das so nicht stimmt. Jesus sagt ja gerade zuvor, dass er das Gesetz oder eben die Gebote erfüllen will, nicht aufheben. Heute setzt sich immer mehr die Ansicht durch, dass Jesus die Gebote auf ihren eigentlichen Sinn zurückführen will. Jesus ist schliesslich ein jüdischer Rabbi, der sich in die laufende Diskussion um die richtige Interpretation der Gebote einmischt. Dann bedeutet das «Ich aber sage euch …» nicht ein Gegensatz, sondern mehr im Sinne von: «Ich erkläre euch jetzt, wie dieses Gebot richtig zu verstehen ist.» Man kann sagen, Jesus ist hier sehr radikal, indem er die Gebote auf ihre Wurzeln (lateinisch Radix) zurückführt. 

Die bessere Gerechtigkeit bedeutet nicht, die tausend «Spielregeln» möglichst gut einzuhalten. Sondern es geht viel mehr darum, aus tiefstem Herzen heraus in gerechten, also «zurecht gebrachten», heilen Beziehungen zu leben – mit Gott genauso wie mit den Menschen. 

Und die Vollkommenheit besteht nicht darin, die Tausend Spielregeln zu 100% einzuhalten – dazu sind wir Menschen gar nicht in der Lage. Es geht viel mehr darum, mit ungeteiltem Herzen, mit ganzem Sein und ganzem Wesen nach der Absicht Gottes zu leben (vgl. Matthäus 22,37-40) und damit in die eigentliche Bestimmung von uns Menschen hinein zu finden. Oder um es in dem Bild von Bernhard Ott zu sagen: Es geht darum von ganzem Herzen nach der Musik des Himmels zu tanzen.

Es geht Jesus nicht darum, das Regelwerk noch enger zu schnüren und damit die Symptome zu behandeln. Sondern es geht ihm vielmehr darum die Wurzeln der Probleme anzugehen. Und das sind die Herzensgewohnheiten von uns Menschen. Oder anders gesagt, unsere Tugenden und unser Charakter.

Was bedeutet das konkret?

  • In Matthäus 5,21-26 geht es nicht in erster Linie darum, durch geeignete Gesetze Mord und Totschlag zu verhindern. Es geht darum, den Zorn in mir zu thematisieren und Gelassenheit und Sanftmut zu fördern. Wo dies gelingt, hat das zur Folge, dass dort auch kein Mord und kein Totschlag mehr geschieht.
    Die Gebote des Alten Testaments orientieren sich an überprüfbaren äusseren Tatbeständen. Doch Jesus zielt auf das Herz. Darin soll kein Raum für den Zorn sein. Das lässt sich von aussen nicht überprüfen und darum auch nicht mit Gesetzen regeln. Es packt aber das Problem an der Wurzel.
  • Im darauffolgenden Abschnitt (Matthäus 5,27-30) geht es nicht primär darum, durch möglichst gute Spielregeln Ehebruch zu minimieren. Es geht Jesus vielmehr darum, dass wir Menschen uns mit unseren eigenen sexuellen Bedürfnissen und Fantasien
    auseinandersetzen, mit dem, was sich im Herz oder hier im Kopf abspielt.
    Und weil es eben Jesus nicht einfach um die äusserlichen Taten geht, sondern um die Haltung des Herzens, deshalb kann auch nicht jemand anders von aussen eingreifen, sondern die Nachfolger von Jesus sind aufgefordert, selber zu handeln. 
  • Im Abschnitt Matthäus 5,31-32 geht es um Ehescheidung. Hier wird es vielleicht am deutlichsten, dass sich Jesus in die aktuelle Diskussion der Rabbis seiner Zeit einmischt. Die beiden grossen Rabbi-Schulen zur Zeit von Jesus  stritten sich nämlich darüber, welche Gründe für eine Scheidung legitim seien (Hillel und seine Schule liessen jeden noch so geringfügigen Grund gelten, etwa ein angebranntes Essen; Schammai und seine Schule akzeptierten dagegen nur den Ehebruch seitens der Frau als Grund für eine Scheiudung). Jesus stellt sich hier auf die Seite von Schammai. Aber letztlich geht es ihm nicht darum, durch gesetzliche Regelwerke Ehescheidungen einigermassen fair zu regulieren. Es geht vielmehr darum, die Tugenden des Bundes, wie Treue und Liebe, zu fördern. 
  • In den Versen 33-37 greift Jesus das Thema «Eid» auf. Das Gebot im Alten Testament lautet, dass man einen Eid nicht brechen soll. Das liegt ja eigentlich auf der Hand. Aber worum geht es Jesus da?
    Bei Kindern so etwa im Mittelstufen-Alter kann man manchmal beobachten, wie sie Grenzen ausloten, wenn es um Wahrheit und um Versprechen geht. Vielleicht kennst du das: Da kreuzt jemand hinter dem Rücken die Finger, währenddem er oder sie etwas verspricht und dass soll dann bedeuten, dass man es nicht ernst gemeint hat. Oder man fügt in Gedanken ein «nicht» hinzu und meint dann genau das Gegenteil von dem, was man sagt. Und dann wird darüber gestritten, ob so ein Versprechen jetzt gültig ist oder nicht.
    Aber solche «Spielchen» spielen nicht nur Kinder. Auch Erwachsene verhalten sich letztlich oft genau gleich – einfach etwas ausgeklügelter … Ein Schwur bedeutet ja letztlich nichts anderes, als dass es unterschiedliche Grade von Wahrheit gibt. Wer sagt: «Ich schwöre dir, ich sage die Wahrheit, …» der sagt damit eigentlich auch, dass seine Aussagen sonst nicht immer der Wahrheit entsprechen.
    Jesus will seinen Nachfolgern deutlich machen, dass es bei dem Gebot genau nicht darum geht. Sondern das Gebot will vielmehr die Tugenden der Wahrhaftigkeit und der Integrität zu fördern. Das kann ganz schön herausfordernd sein!
  • Ebenfalls sehr herausfordernd ist der nächste Abschnitt, die Verse 38 – 42. Das alttestamentliche Gebot «Auge um Auge, Zahn um Zahn» wird oft darauf reduziert, dass die Vergeltung nicht höher sein soll als der eigentliche Schaden. Wir kennen diese Spirale der Gewalt. Wenn mir jemand einen Schaden zufügt – gewollt oder ungewollt – dann ist da dieser Impuls, dem anderen auch Schaden zuzufügen, und zwar am besten gleich noch ein bisschen mehr. Der findet das dann ungerecht und wehrt sich noch ein bisschen mehr. Mani Matters Lied vom «Zündhölzli» beschreibt das ein wenig überspitzt und doch sehr treffend.
    Doch bei dem Gebot geht nicht einfach darum, die Vergeltung durch geeignete Verbote in Grenzen zu halten. Es geht vielmehr darum, alternative Formen im Umgang mit dem Bösen zu entwickeln. Was kann ich tun, statt zurück zu schlagen und auf Gewalt mit Gegengewalt zu reagieren? Jesus sagt, dass es andere Möglichkeiten gibt, welche auf Tugenden wie Grossmut und Sanftmut gründen.
  • Im letzte Abschnitt (Matthäus 5,43-48) geht Jesus noch weiter. Das ursprüngliche Gebot im AT lautet, dass man seinen Nächsten lieben soll. Die Ergänzung «und du sollst deine Feinde hassen» steht so nicht im Alten Testamen. Doch zur Zeit von Jesus wurde genau das unter den Rabbis diskutiert. Jesus hält dem entgegen: Es geht nicht darum, durch Regeln zu definieren, wer Freund und wer Feind ist, wer geliebt und wer gehasst werden soll bzw. darf. Sondern es geht vielmehr darum, vom Wesen Gottes im eigenen Herzen so geprägt zu werden, dass wir selbst die Feinde lieben können.

Dieser ganze lange Abschnitt macht deutlich, dass es zwar vielleicht einfacher wäre, sich an äussere Regeln zu halten und dass sich dies auch leichter überprüfen lassen würde. Doch Gott geht es nicht um die äusseren Regeln, sondern um unsere Herzen. Herzen, die vollkommen auf ihn ausgerichtet sind!

Amen.

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