Ich schäme mich des Evangeliums nicht

Datum: Sonntag, 22. Januar 2023 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Römer 1,13-17

Paulus schreibt den Christen in Rom einen Brief – den Römerbrief, weil er sie besuchen möchte. Doch bisher hatte er dazu keine Gelegenheit.
Aber warum will Paulus überhaupt nach Rom kommen? Er hat von Gott den Auftrag bekommen, dass er das Evangelium in die Welt hinaustragen soll, und zwar auch ganz bewusst zu den Heiden, also zu den Menschen, die nicht Juden sind (vgl. V 5). Er sieht sich ganz bewusst als Apostel für die Nichtjuden, obwohl er sich sehr mit seinem Volk verbunden weiss. Und in diesem Auftrag möchte er möglichst vielen Menschen das Evangelium verkünden. Da macht es durchaus Sinn, auch die Hauptstadt des damaligen Weltreiches, Rom, zu bereisen. Doch weil er bisher nicht die Möglichkeit hatte, nach Rom zu reisen, schreibt er schon mal diesen Brief an die Römer. Nach der Einleitung des Briefes macht er in den Versen 16 und 17 des ersten Kapitels eine kurze aber sehr dichte Zusammenfassung dessen, was er glaubt.

Predigttext lesen Römer 1,13-17

Ich schäme mich des Evangeliums nicht …

Paulus beginnt damit, dass er sagt, dass er sich nicht schämt. Aus heutiger Sicht ist das gut verständlich. Ich könnte mir vorstellen, dass wir alle dieses Gefühl kennen, sich irgendwie für den eigenen Glauben oder was damit zusammenhängt, zu schämen.
Ich selber habe mich nicht unbedingt für den Glauben geschämt. Ich hatte als Kind das Glück, dass in der Schule sowohl meine Klassenkameraden als auch die Lehrkräfte mich da immer akzeptiert hatten. Im Lehrerseminar wusste ich schon, dass einige Lehrpersonen nicht gut auf den christlichen Glauben zu sprechen waren. Die habe ich sicher nicht unnötig provoziert, aber mit der Zeit wussten wohl alle meine Lehrer, dass ich an Gott glaube und mich in der Kirche engagiere. Ich wollte, dass sie meinen Glauben respektieren, also hatte ich umgekehrt auch ihre Sicht der Welt zu respektieren. Einzig mit dem Religionslehrer kam ich dann und wann etwas ins diskutieren – weil von dem hatte ich schon erwartet, dass er etwas persönliches zum Glauben zu sagen hätte.
Womit ich aber durchaus meine Mühe hatte, das waren Teile des kirchlichen Lebens. Gottesdienste fand ich zum Beispiel meistens recht langweilig und alles andere als zeitgemäss. Da hätte ich mich durchaus dafür geschämt, wenn ich meine Schulfreunde hätte mitnehmen wollen.
Noch herausfordernder aber fand ich das Image, dass Christen alles verbieten, was Spass macht. Oder dass Christ sein im wesentlichen daraus bestehen würde, keinen Sex vor der Ehe zu haben und genug Geld zu spenden. Für solche Dinge habe ich mich durchaus geschämt. Ich wollte nicht, dass Christ sein als altmodisch und bedeutungslos gilt. Wer will schon altmodisch sein? Und so schämte ich mich insgeheim schon für das eine oder andere christliche Gebot. Doch letztlich führte es dazu, dass ich begann mich damit auseinander zu setzen, was denn zu diesen Themen tatsächlich in der Bibel steht. Und mit der Zeit begann ich auch zu merken, dass die Gebote oder Ordnungen, die Gott uns gegeben hat, dazu da sind, unser Leben und das Leben der Menschen um uns herum zu schützen. Zugleich wurde mir Stück für Stück klar, dass anderseits vieles von dem was in der Gesellschaft als modern und erstrebenswert gilt, letztlich dem Leben viel mehr schadet als nützt. Und so ist meine Überzeugung für das Evangelium immer mehr gewachsen!
Aber was meinte denn Paulus, als er sagte, dass er sich nicht fürs Evangelium schäme? Bei ihm geht es weniger um ein Unwohlsein oder so. Es geht um sehr handfeste Dinge. Rom ist die Hauptstadt des römischen Kaisers und dieser erhob den Anspruch, Herrscher der Welt zu sein. Doch genau den selben Anspruch erheben Christen aber auch für Jesus Christus! Er ist der Herr der Welt. Da sind natürlich Konflikte vorprogrammiert. Was sollen Christen nun tun? Sollen sie ihren Glauben im Privaten leben, möglichst niemandem davon erzählen, damit es sicher zu keinem Konflikt kommt?
Das meint Paulus sicher nicht! Es kann gut sein, dass Paulus einen Vers aus den Psalmen im Gedächtnis hatte, als er unseren Abschnitt schrieb:

«Ich rede von deinen Zeugnissen vor Königen und schäme mich nicht.»
Psalm 119,46

Letztlich reiste Paulus ja dann – als Gefangener – nach Rom, um dort vor dem Kaiser sein Anliegen präsentieren zu können!

… es ist eine Kraft Gottes …

Das Evangelium, als die gute Nachricht, beschreibt Paulus als eine Kraft Gottes. Er meint damit die Kraft, mit der Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. Die Kraft, welche den Tod und alle Mächte die mit dem Tod zusammenhängen, besiegt hat. Die Kraft, die zeigt, dass Jesus tatsächlich der Sohn Gottes ist. Das ist eine gewaltige Kraft. Das griechische Wort dafür heisst «dynamis». Von diesem Wort kommt auch der Name Dynamit für den Sprengstoff, den Alfred Nobel erfunden hat. Ich finde das auf der einen Seite sehr passend, weil Dynamis eine grosse Kraft ist, die auch grosse Veränderung mit sich bringen kann, eben wie der Dynamit. Aber Dynamit hat natürlich auch eine sehr zerstörerische Seite, welche gerade im Krieg auch unglaublich viele unschuldige Menschen treffen konnte. Und das ist bei der Kraft Gottes anders. Auch die Kraft Gottes kann zerstören, nämlich die Macht des Todes und des Teufels. Aber sie trifft nicht die Unschuldigen. Wo es Unschuldige trifft, da ist die Macht des Bösen am Werk.
Paulus hat erlebt, wo er das Evangelium verkündet, da geschieht etwas! Das Evangelium bewirkt Veränderung, Leben werden total auf den Kopf gestellt. Herzen, Köpfe und Lebensstile werden verändert, Heilung an Leib, Geist und Seele geschieht. Das neue Reicht Gottes, das mit dem Tod und der Auferstehung von Jesus begonnen hat, breitet sich aus. Es wird Stück für Stück mehr Realität! Das alles wird bewirkt durch die Kraft Gottes!

… die selig macht …

Wie es Paulus sagt, es ist eine Kraft, die selig macht. Das Wort «selig» hat heute in der Gesellschaft oft etwas einen komischen Beigeschmack. Es meint oftmals nur noch so eine fröhliche, glückliche Stimmung. Das kommt im Wort bierselig gut zum Ausdruck – wer schon genug Bier oder anderen Alkohol intus hat, der wird «heiter» oder «angeheitert».
Dabei meint selig eigentlich, dass jemand von allen Sünden und Lasten erlöst wird und Teil hat am ewigen Leben. Anders gesagt bedeutet es, dass ein Mensch gerettet wird. Und hoffentlich macht ihn das glücklich und fröhlich, aber eben nicht bierselig!
Dabei geht es bei der Erlösung um etwas sehr umfassendes. Manchmal reduzieren Christen die Erlösung oder Rettung auf ein «in den Himmel kommen». Aber dazu sagt Paulus (und eigentlich das NT insgesamt) fast nichts. Natürlich: der Tod ist besiegt! Und wer an Jesus Christus glaubt, der wird vor dem ewigen Tod gerettet. Der Tod wird nicht das letzte Wort haben! Das steht ausser Frage.
Aber bei der Erlösung geht es nicht um «körperlose Seelen» die im Himmel herum schweben. Paulus und auch die anderen Apostel sind davon überzeugt, dass Gott die ganze Schöpfung erlösen und vor Verfall und Vergänglichkeit retten wird. Wir werden einen neuen, erlösten Körper bekommen und in einer neuen Welt zusammen mit Gott leben.
Aber genauso wichtig ist, dass Erlösung für Paulus auch bedeutet, dass sie schon jetzt beginnt. Sie ist nicht nur eine Sache der Zukunft – auch wenn die volle Herrlichkeit dieser Erlösung erst in der Zukunft offenbar werden wird.
Ein Mensch der erlöst wurde, der kann auf dieses Ereignis zurück blicken und sagen: «Ich bin erlöst worden!» Zugleich aber geschieht Erlösung kontinuierlich, mein ganzes Leben lang. Das alte Wort «Heiligung» meint genau diesen Prozess: Ich werde mehr und mehr umgestaltet in das Bild, das Jesus Christus schon längst von mir hat. Und schliesslich werde ich eines Tages vollständig erlöst werden. Dann wird diese Erlösung für alle sichtbar sein und uneingeschränkt gelten.

… alle die glauben

Das Evangelium – die Botschaft, dass der gekreuzigte und auferstandene Jesus der Herr der Welt ist – muss geglaubt werden. Das ist die Voraussetzung dafür, dass diese grosse Kraft Gottes in meinem Leben wirkt und mich «selig» macht.
Dabei hat das Wort «glauben» zwei Schwerpunkte. Zum einen bedeutet es glauben im Sinne von «für wahr halten». «Ich glaube, heute Nachmittag wird es schneien», das heisst, ich halte die Wettervorhersage oder mein Bauchgefühl für wahr.
Zum anderen bedeutet es glauben im Sinne von «vertrauen». «Ich glaube, dass du das schaffst», das heisst, ich vertraue darauf, dass du es schaffst.
Christlicher Glaube bedeutet somit einerseits, an Dingen festzuhalten, die wir nicht sehen oder beweisen können. Er bedeutet aber auch, und letztlich noch viel mehr, dass wir einer Person, Jesus Christus, vertrauen!
Dieses «alle» das schliesst beide ein, zuerst die Juden, aber dann gleichermassen auch alle anderen Völker. Die Juden unterteilten die Welt in zwei Gruppen: Juden und Heiden (oder die Völker, oder «Griechen» weil alle um sie herum griechisch sprachen). Paulus ist zu beiden gesandt. Er ist besonders zu den Heiden gesandt, aber sein Volk die Juden, liegen ihm unglaublich am Herzen! Und er ist sich bewusst, eine grosse Provokation des Evangeliums besteht gerade darin, dass es Juden und Griechen zusammenbringt! Es durchbricht die Schranken, die so lange galten. Es erklärt, dass die erlösende Liebe Gottes allen Menschen gilt, zu gleichen Bedingungen!

Gerechtigkeit

Die Folge des Glaubens ist, dass wir vor Gott für gerecht erklärt werden und zwar mit sofortiger Wirkung! Das bezieht sich auf den Tag des letzten Gerichtes. Paulus erklärt hier, dass das Urteil dieses Gerichtes bereits vorweggenommen ist: Wenn auch du an diese gute Nachricht glaubst, dann bist du vor Gott, dem grossen Richter gerecht, also im Recht, oder unschuldig! Und das ist wahrlich eine gute Nachricht!

Amen.

Serien

Weitere Predigten