Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den grossen Nöten, die uns getroffen haben

Datum: Sonntag, 5. September 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Lukas 17,5-6

Liebe Schwestern und Brüder,
«Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.» Diese Worte aus Ps 46,2 möchte ich meiner Predigt voranstellen.

Unser kurzer Predigttext berichtet von einer Sorge, die die Apostel, Jesu Jünger und auch die junge Kirche zur Zeit des Evangelisten Lukas im ausgehenden 1. Jahrhundert n. Chr. bedrückte. Damals blies der sich ausbreitenden Christenheit in einer vom Vielgötterglauben geprägten Umwelt der Wind ins Gesicht.

Auch wir Christen der Gegenwart, liebe Schwestern und Brüder, sind angefochten: etwa von der zunehmenden Distanz vieler Menschen zum christlichen Glauben und zur Kirche – vielleicht gehören auch Kinder von uns zu ihnen. Viele betrachten die spürbar kleiner werdende Schar von Gottesdienstbesuchern und Gemeindemitgliedern in unseren landeskirchlichen Gemeinden in Deutschland und wohl auch in der Schweiz, aber auch in Freikirchen mit Trauer und Sorge. Die massiven Vergehen kirchlicher Mitarbeiter und Amtsträger der Vergangenheit – denken wir an den unsäglichen Missbrauch von Kindern – belasten uns und die Kirchen. Auch im privaten Bereich haben wir Schicksalsschläge, Misserfolge oder Krankheiten zu verkraften. All das entmutigt. All das lässt bei vielen Menschen den Glauben klein, schwach oder verzagt werden. Es führt bei manchen zur Resignation, zu Zweifeln an Gott, ja zum Unglauben – doch bei anderen auch zu dem sehnlichen Wunsch, wieder zuversichtlicher glauben zu können.

Hören wir vor diesem Hintergrund unseren kurzen Predigttext, Lukas 17,5–6, dem ich in meinem bisherigen Leben immer ausgewichen bin, weil ich mich durch seine Aussagen unter Druck gesetzt gefühlt habe. Doch bei der Beschäftigung mit ihm für diese Predigt habe ich ihn erst richtig verstehen gelernt:

«Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Schenke uns mehr Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.»

Wie reagiert Jesus auf die Bitte der Jünger um mehr Glauben? Er schilt ihren Kleinglauben nicht. Er gibt ihnen auch keine Ratschläge und Anweisungen, wie sie zu mehr Glauben gelangen können. Nein, er antwortet ihnen mit einem surrealistischen, übertriebenen Bildwort, das noch skuriler klingt, wenn man bedenkt, dass das Korn des schwarzen Senfs – das des gelben ist viel größer – ein ganz leichtes winziges Kügelchen ist. Und der Maulbeerfeigenbaum, ein tief in der Erde verwurzelter Baum, ist absolut nicht leicht auszureißen.

Liebe Schwestern und Brüder, was will Jesus mit diesem merkwürdigen Bildwort seinen sorgenvollen Jüngern und uns sagen? Dieses: Wenn euer Glaube – er wird aber größer sein – auch nur die Größe eines winzigen Senfkorns hat, dann wäre er doch in der Lage, zu einem Maulbeerbaum zu sagen: Reiß dich aus und pflanze dich ins Meer! – und er würde euch gehorchen. Beim Meer denkt Jesus an den Süßwassersee Genezareth, der auch Galiläisches Meer genannt wird (Mt 4,18).

Mit diesem Bild spricht Jesus seinen Jüngern Glauben zu: Die Stärke eures Glaubens ist nicht entscheidend (Röm 12,3): Euer Glaube hat Kraft, auch wenn er nur ganz klein ist. Jesus selber hat keine Bäume ausgerissen oder Berge versetzt. Aber er hat in der Kraft Gottes Wunder getan und Kranke geheilt.

Die Jünger schauen bekümmert auf ihren Glauben. Uns geht es oft nicht anders. Jesus richtet den Blick seiner Jünger aber von ihrem als unzulänglich empfundenen Glauben weg hin auf den, dem der Glaube gilt, Gott, der allein uns Glauben schenken kann.

Was bedeutet es zu glauben, liebe Schwestern und Brüder? Es bedeutet, auf Gott den himmlischen Vater zu vertrauen, auf den allmächtigen Schöpfer, der uns Menschen – seine Jünger und auch uns hier im Gottesdienst Versammelten – in seine Gemeinschaft gerufen hat. Wir dürfen auch mit einem Fünkchen Glauben an der «ganzen Fülle der Gott offen stehenden Möglichkeiten» (Weber) teilhaben. Wir sollen darum nicht auf unsere menschliche Glaubenskraft, sondern auf Gottes Macht und Hilfe schauen und darauf vertrauen. Mehr braucht es nicht. In Lukas 18,27 sagt Jesus: «Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.»

In Markus 9 erwidert Jesus einem Vater, der sein an Epilepsie erkranktes Kind zu ihm bringt und hofft, dass Jesus ihm helfen kann: «Du sagst: Wenn du [meinem Kind helfen] kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!» Diese Bitte des verzweifelten Vaters war im letzten Jahr (2020) unsere Jahreslosung.

Wir alle hier zum Gottesdienst Versammelten werden Erfahrungen mit Gottes Hilfe und Macht in unserem Leben gesammelt haben: bei schwierigen Lebensentscheidungen – bei schweren Erkrankungen oder auch bei wunderbaren Wendungen unseres Geschicks, die wir nicht auf den Zufall oder das Glück zurückführten. Vielmehr durften wir in solchen Zeiten Gottes besondere Hilfe für uns erfahren. Bei unserer Wander- und Andachtswoche in Adelboden habe ich mich mit einigen Teilnehmer/innen über solche persönlichen Erfahrungen sehr intensiv austauschen können.

Ich möchte euch, liebe Schwestern und Brüder, jetzt drei Glaubenszeugen vorstellen, die bekannter sind als wir und unsere Erfahrungen. Sie haben in ihrem Leben ebenfalls Erfahrungen mit Gottes Hilfe und Kraft gemacht. Auch ihre Erfahrungen waren nicht von der Größe oder Stärke ihres Glaubens abhängig, sondern v o n   G o t t e s   W i l l e n   u n d   G n a d e.

Paulus

Beginnen wir mit dem Apostel Paulus: Er hatte zeit seines Wirkens unter einer schweren Krankheit zu leiden, die ihn bei seiner Missionstätigkeit behinderten. Paulus spricht von seiner Krankheit im Bilde: „der Engel des Satan“ – so sagt er – „schlägt mich mit Fäusten“. Etliche Wissenschaftler deuten diese Krankheit als Epilepsie. Da Epilepsie nicht mit Schmerzen verbunden ist, scheint es mir näher zu liegen, an eine schlimme Form von Migräne zu denken, unter der Paulus zu leiden hatte. Dreimal – also ganz intensiv – bat er Gott inständig um Heilung von diesem Leiden und erhielt von Gott eine Antwort, von der er in 2. Kor 12 schreibt: «Und Gott hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.» Paulus fährt dann fort: «Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark». (V. 9–10) – Durch die Kraft, die der von Gott auferweckte Christus Paulus verlieh, konnte er alle Widrigkeiten und Leiden in seinem Aposteldienst durchstehen. Durch seinen körperlich schwachen und oftmals verfolgten Apostel Paulus hat Gott gegen vielfachen Widerstand seine Kirche in Kleinasien und in Griechenland ins Leben gerufen. Auch zu uns gegenwärtigen Christen, liebe Schwestern und Brüder, spricht Gott durch die Briefe des Paulus, die dieser an seine unterschiedlichen Gemeinden und nach Rom geschrieben hat, auch noch heute.

Paul Gerhardt

Der Liederdichter Paul Gerhardt hat die Grauen des 30-jährigen miterlebt, der von seinem 11. bis zu seinem 41. Lebensjahr tobte. Mit 14 Jahren war Paul Gerhardt Vollwaise. Seine Heimatstadt sah er in Schutt und Asche sinken. Später begann er ein Theologiestudium in Wittenberg. Sein Bruder, der das väterliche Anwesen in Gräfenhainichen übernommen hatte, starb mit 31 Jahren an der Pest. Im Alter von 41 Jahren übernahm der inzwischen bekannte Liederdichter Paul Gerhardt ein Pfarramt in Mittenwalde. 4 Jahre später heiratete er Anna Maria Berthold. Ihre Ehe währte 13 Jahre. Unter dem Tod seiner Frau hat Paul Gerhardt sehr gelitten. Von den 5 Kindern des Ehepaares Gerhardt starben vier ganz früh.

Im Jahre 1657 übernahm Paul Gerhardt eine der Pfarrstellen der Nikolaikirche in Berlin. Nach einem theologischen Konflikt mit seinem Landesfürsten und obersten Bischof, dem Grossen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Preußen, wurde Paul Gerhardt 9 Jahre später seines Predigtamtes enthoben, später kurzzeitig wieder eingesetzt und dann aber auf eigenen Wunsch aus Gewissensgründen aus dem Amt entlassen. Dann konnte Paul Gerhardt noch eine letzte Pfarrstelle zu Lübben in der Niederlausitz antreten. 1676 starb er. In Lübben lebte er als Witwer zusammen mit seinem verbliebenen Sohn Paul Friedrich.

Liebe Schwestern und Brüder, ich habe euch den Lebenslauf von Paul Gerhardt kurz dargestellt, damit ihr erfahren konntet, dass dieser wohl uns allen bekannte Dichter von tiefgründigen Glaubensliedern sehr viel durchmachen und sehr viel Leid hat erfahren müssen. Gott hat ihm die Gabe verliehen, dieses alles im Glauben an ihn – den uns Menschen liebenden Gott und Schöpfer – in wunderbaren Liedern zu verarbeiten und zu verdichten. In froh machenden Liedern wie „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“; wie ich gelesen habe, ist mit „mein Herz“ seine Frau Anna Maria gemeint, die nach dem Verlust von 4 ihrer Kinder unter Depressionen litt. In besinnlichen Liedern wie „Gib dich zufrieden“. In Lobliedern wie „Ich singe dir mit Herz und Mund“ oder auch in Trostliedern wie „Befiehl du deine Wege“. Ich lese die 1. Strophe vor: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“ – Wenn man sich mit Paul Gerhardts Lebenslauf näher beschäftigt, dann entsprechen die Aussagen dieses Liedes der Ruhe, der Besonnenheit, dem Abwartenkönnen und dem tiefen Gottvertrauen, das sein gesamtes Leben geprägt und mit dem Gott ihm auch durch viele leidvolle und problematische Zeiten hindurchgeholfen hat.

Liebe Schwestern und Brüder, 139 Lieder hat Paul Gerhardt verfasst. Etliche Lieder davon sind in die Gesangbücher der ökumenischen Kirchen und Freikirchen eingegangen. Mit seinen Glaubensliedern erquickt Paul Gerhardt auch heute noch unser Gottvertrauen. Für viele von uns – für mich übrigens auch – ist er wohl der Dichter von Glaubensliedern.

Dietrich Bonhoeffer

Kommen wir zu einem letzten Glaubenszeugen, der Gottes hilfreiche Kraft in seinem Leben erfahren hat: Dietrich Bonhoeffer. Er war ein großer Theologe, ein profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche in der Zeit des Hitlerregimes und am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Das kostete ihn am Ende das Leben. Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg erhängt. Im Gefängnis schrieb Bonhoeffer sein bekanntes Lied „Von guten Mächten treu und still umgeben“, von dem die meisten die letzte Strophe kennen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag, / Gott ist mit uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag“. Das Lied lässt uns Bonhoeffers bedrängte Lage miterleben und bezeugt uns, wie er im Glauben damit fertig wurde. Bonhoeffer rechnete damit, dass er zum Tode verurteilt werden konnte; aber er hoffte auch, doch noch mit dem Leben davonzukommen. Er war bereit, das eine oder das andere aus Gottes Hand zu nehmen. So heißt es in der dritten und vierten Strophe sei- nes Liedes:

3: «Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern / des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, / so nehmen wir ihn dankbar, ohne Zittern / aus deiner guten und geliebten Hand.

4: Doch willst du uns noch einmal Freude schenken / an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz. / dann wolln wir des Vergangenen gedenken, / und dann gehört dir unser Leben ganz.»

Dietrich Bonhoeffer wurde zum Tod durch den Strang verurteilt. Er hat sein bitteres Schicksal, wie die dritte Strophe es sagt, aus der Hand des allmächtigen, uns Menschen liebenden Gottes genommen.

Der sehenswerte Film «Bonhoeffer. Die letzte Stufe» zeigt zum Schluss sehr dezent das Ende von Dietrich Bonhoeffer. Auf ihn wartet der Strang; man sieht im Hintergrund den Galgen. Bonhoeffer wird aufgefordert, sich ganz auszuziehen. In dem Moment erscheint sein Widersacher Kriegsgerichtsrat Roeder und sagt zu ihm: «Das ist das Ende!» Bonhoeffer entgegnet «Nein!», geht zum Galgen und wird erhängt. Nein! Nicht der Tod hat das letzte Wort über unser Leben, sondern der allmächtige Gott! In diesem Glauben gegen allen Augenschein können wir darauf vertrauen, dass Gott auch uns durch die Zeit des Abschiednehmens von diesem irdischen Leben und durch unsere Sterbestunde hindurch hilft. Er schenkt uns Hilfe und Kraft zum Leben, aber auch die Kraft und Gelassenheit, das Leben loszulassen.

Auch darüber, liebe Schwestern und Brüder, hat sich Dietrich Bonhoeffer Gedanken gemacht. In einer Art Glaubensbekenntnis aus dem Jahre 1942 bekennt er: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“

Diese hier ausgesprochene Glaubenszuversicht will uns die Gewissheit schenken, dass Gott uns auch in den Notlagen unseres Lebens nicht allein lässt. Und als Vorbereitung auf unser eigenes Sterben können wir Gott darum bitten, dass auch wir im Sterben seine tröstliche Nähe spüren. Die letzen beiden Strophen von Paul Gerhardts bekanntem Lied «O Haupt voll Blut und Wunden» können zu unserem Gebet werden:

«Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.
Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod, und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.»

Denn uns Glaubenden, liebe Schwestern und Brüder, ist nach dem Zeugnis des NT das ewige Leben mit Gott und Christus verheißen, wie es z. B. der Apostel Paulus in Röm 6,23 bekennt: Die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.

Ich möchte die Predigt mit einem Gebet beschließen:

Herr Gott unser himmlischer Vater,
heute versicherst du uns, dass wir gerade
keine Glaubenshelden zu sein brauchen,
um deine Macht und Hilfe in unserem Leben
zu erfahren.
Mach uns bereit,
dass wir Hilfe und Kraft für unser Leben vertrauensvoll ganz bei dir suchen und finden, damit wir dir danken und dich preisen können, jetzt – und in der Ewigkeit.
Wir bitten dich auch für die Menschen,
die uns nahe stehen.
Lass auch sie deine Hilfe und Macht
in ihren Sorgen und Nöten erleben.
Amen.

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