Freue dich, du Tochter Zion

Datum: Samstag, 25. Dezember 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Sacharja 2,14-17

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr. Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum Herrn wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der Herr Zebaoth zu dir gesandt hat. – Und der Herr wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen. Alles Fleisch sei stille vor dem Herrn; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte! (Sacharja 2,14–17)

Freue dich und sei fröhlich – Diese Worte richtet der Prophet Sacharja an Jerusalem, die Stadt am Zionsberg. Er spricht die Stadt liebevoll als «Tochter Zion» an. Die Stadt bzw. die Bewohner darin sollen aufgemuntert und getröstet werden. Denn das ist dringend nötig. Die Stadt lag Jahrzehnte lang in Trümmern, während die Bewohner in Babylon im Exil lebten. Dann erlaubte der persische König Kyrus den Verbannten unter der Führung von Nehemia zurück zu kehren und die Stadt Jerusalem wieder aufzubauen. Die Freude über diese Erlaubnis war gross. Doch die Rückkehrer treffen auf lauter Ruinen. Der Staub der Trümmer liegt noch in der Luft und durchdringt bei Wind jede Ritze. Der Tempel, das Heiligtum Gottes, bietet einen trostlosen Anblick. Und man steht nun vor der riesigen Aufgabe, das weitgehend zerstörte Jerusalem wieder aufzubauen. Nach ersten Erfolgen kommt der Wiederaufbau jedoch ins Stocken. Ein paar Gebäude stehen wieder. Aber der Tempel liegt immer noch in Trümmern und die Stimmung in der Stadt ist auf Grund von Existenzsorgen und politischen Spannungen ziemlich am Boden. Es verlangt viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die «Tochter Zion» wieder aufblühen und zu ihrem früheren Glanz zurückfinden könnte.

Mitten in diese schwierige Zeit hinein kommt nun die Aufforderung: «Freue dich und sei fröhlich»! Wie mag das wohl in den Ohren der Bewohner von Jerusalem damals geklungen haben?

Heute feiern wir Weihnachten. Und heute gelten die ursprünglich an Jerusalem gerichteten Worte auch uns. Es ist Weihnachten: Freue dich und sei fröhlich, du Stadt Sursee, du Stadt Sempach, du Flecken Beromünster, oder du Dorf Triengen. 

Aber wie klingt das in unseren Ohren? Wie klingt das in einer Zeit, wo zwar unser Land oder unsere Stadt nicht physisch in Trümmern liegt, wo aber nach zwei Jahren Corona viele Menschen erschöpft und viele Beziehungen arg strapaziert sind? Wo es genauso Existenzsorgen und politische Spannungen gibt, wie damals zur Zeit von Sacharja.

Ich habe mich beim Vorbereiten schon gefragt: Kann man Freude denn einfach anordnen, fast schon befehlen: Freue dich! Sei fröhlich! Gibt das nicht etwas völlig Aufgesetztes?

Nun, der Prophet gibt zum Glück auch gleich den Grund für die Freude an: «Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr.» 

Noch deutlicher wird es dann etwas später im 9. Kapitel des Sacharjabuches, wo die Freude so gesteigert ist, dass sie ins Jauchzen übergeht: «Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer …» (Sach 9,9). 

Das ist der Grund zur Freude: Ein König, der als ein Gerechter und ein Helfer zu uns kommt. Das ist eine absolute Seltenheit: Von den wenigsten Königen – heute würden wir sagen von den wenigstens Präsidenten – lässt sich sagen, dass sie als Gerechte und als Helfer zu uns kommen. Wir können schon froh sein, wenn sie das ihnen anvertraute Amt wenigstens einigermassen verantwortungsvoll ausüben. 

Aber der König, dessen Kommen Sacharja verkünden darf, der ist so ganz anders. Und darum geht es an Weihnachten. 

In dem Kurzfilm aus der Serie «The Chosen» (https://youtu.be/zG2GY1ND5ZQ) den wir zu Beginn des Gottesdienstes gesehen haben, da kommt für mich das wunderbar zum Ausdruck! Mitten in den Alltag, in die Not des Hirten mit seinem lahmen Fuss bricht plötzlich die überwältigende Freude von Weihnachten herein. 

Kein Glitzer und Kitsch, nicht Berge von Essen und Geschenkpapier, sondern eine Welt voller Not und Hunger. Doch genau in diese Not hinein kommt der so andere König. Und er kommt so unerwartet anders – aber so unglaublich heilvoll!

Eines meiner liebsten Weihnachtslieder ist «Marry did you know». In dem Lied wird Maria rückblickend gefragt, ob ihr damals bei der Geburt von Jesus, am allerersten Weihnachten, bewusst war, was alles kommen würde. Da heisst es. «Maria, wusstest du, dass dein kleiner Junge eines Tages übers Wasser gehen wird? Maria wusstest du, dass dein kleiner Junge unsere Söhne und Töchter retten wird?» Und dann heisst es in einer Zeile: «Wenn du dein kleines Baby küsst, dann küsst du das Gesicht Gottes.» So nahe kommt uns Gott!

Für mich wird in dieser Szene, wo der Hirte Simon das Baby auf dem Arm hält das unglaubliche Wunder so richtig gross: Er hält dieses Baby auf dem Arm, das zugleich sein Bruder und zugleich der ewige Gott ist. Gott kommt zu uns und wird Mensch! Oder wie es bei Sacharja heisst: «Ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr.»
Gott will uns Menschen so nahe sein, wie nur möglich! Und diese Nähe bewirkt Veränderung. Simon ist auf der einen Seite immer noch der gleiche arme Hirte am Rande der Gesellschaft, er besitzt keinen Rappen mehr – und beim Pharisäer ist er immer noch genau gleich unerwünscht. 

Aber zugleich verändert sich für ihn alles. Sein lahmer Fuss wird geheilt. Sein Herz ist voll Freude. So voll Freude, dass er allen weitererzählen muss, was er erlebt hat! Der Messias, auf den er so sehnsüchtig gewartet hat, der ist nun da. Und sein Leben, das so trostlos und sinnlos erscheint, das wird kostbar und ewig wertvoll!

Weihnachten, das bedeutet, dass Gott sich als ein Gott der Nähe zeigt, ein Gott, der auf uns zugeht und die Zweifel an seiner Existenz und vor allem die Zweifel an seiner Gegenwart einfach wegwischt. Wie oft haben die Menschen Gott für einen Abwesenden gehalten, weggezogen nach Nirgendwo. Wie ein pensionierter alter Mann, der keine Adresse im Geschäft hinterlässt, um seinen Ruhestand zu geniessen! Manche waren noch konsequenter und haben Gott gleich zu einem Verstorbenen gemacht. Solche Abwesenheitsmeldungen und Toterklärungen gibt es reichlich. 

Aber Gott durchkreuzt sie, indem er einfach kommt und längst mitten unter uns ist. Meist kommt er so unauffällig und diskret, dass sein Kommen erst im Nachhinein bemerkt wird. Er kommt nicht mit den Pauken und Trompeten eines Triumphzugs, wie er dem Kaiser Augustus gefallen hätte. Verglichen damit tritt Gott eher schüchtern auf. Er kommt als kleines, verletzliches und von seinen Eltern abhängiges Baby! Er kommt so unscheinbar und stellt dabei doch die ganze Welt auf den Kopf.

Im schon erwähnten Lied «Marry did you know» gibt es ein Wortspiel, das nur auf englisch funktioniert. Das Verb «to deliver» hat verschiedene Bedeutungen. So bedeutet es zum Beispiel «etwas liefern». Es bedeutet aber auch «entbinden» oder «frei setzten». Und so heisst es in einer Zeile: «This child that you've delivered, will soon deliver you.» «Dieses Kind, das du entbunden hast, wird bald dich frei setzen» oder «von der Sünde entbinden». 

Gott kommt so klein und unscheinbar – und bewirkt so Grosses! Kleine Gesten sind wichtiger als grosse Bilder. Wenn man betet, kann man seine Nähe spüren. Er ist schon im Raum, wenn man sich in die Texte vertieft, die von ihm erzählen. Wenn wir uns helfend einander zuwenden, kann es geschehen, dass im Lächeln des Gegenübers die Freude Gottes aufleuchtet. 

Der König aller Könige stellt seine Majestät gerade so unter Beweis, dass er uns, die wir seiner nicht würdig sind, in den Stand seiner Würde, seines Adels erhebt. Das Kind in der Krippe ist unser Bruder! Und jeder Mensch darf ein Geschwister dieses Bruders sein. Deshalb: Freue dich und sei fröhlich! Und erzähle von dieser Freude allen Menschen!

Amen.

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