Einheit in Vielfalt

Datum: Sonntag, 13. März 2022 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Johannes 13,35; 17,11b.20-23

Was ist das wichtigste Kennzeichen von einem Nachfolger / Jünger? Nimm dir mal einen Moment Zeit, um dir diese Frage zu überlegen.

Jesus sagt zu seinen Jüngern folgendes:

«An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.» 
Johannes 13,35 (NGÜ)

Liebe als Kennzeichen

Wir kennen die Bibel recht gut. Darum verwundert uns diese Aussage auf den ersten Blick nicht wirklich. Aber wie sieht es auf den zweiten Blick aus? Ist es das, was du dir überlegt hast, woran man einen Nachfolger von Jesus erkennt?
Man erkennt einen Nachfolger also nicht in erster Linie daran, wie gut er oder sie die Bibel auswendig kennt. Man erkennt Nachfolger auch nicht an ihren besonders geistlichen Worten und auch nicht am Schmuck (Kreuz am Hals) oder am bedruckten T-Shirt. Sondern man erkennt Nachfolger an der Liebe und zwar an der Liebe zueinander. Anders gesagt: Unser lebendiges Beispiel spricht viel lauter als alle Worte!
Auf der anderen Seite ist es eigentlich naheliegend. Denn die Liebe ist ja das höchste Gebot:

«Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand! Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Ein zweites ist ebenso wichtig: Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst! Mit diesen beiden Geboten ist alles gesagt, was das Gesetz und die Propheten fordern.» 
Matthäus 22,37-40 (NGÜ)

Die Liebe geht in zwei Richtungen. Sie geht vertikal nach oben zu Gott. Diese Liebe ist natürlich auch ein elementares Kennzeichen von einem Nachfolger von Jesus. Aber Menschen, die selber keine Nachfolger sind, werden diese Liebe eher nicht so wahrnehmen, weil die Liebe zu Gott sich ja mehr im Verborgenen abspielt.
Die Liebe geht aber auch horizontal zu den Mitmenschen. Jesus fordert seine Nachfolger dazu auf, alle Mitmenschen – sogar die eigenen Feinde – zu lieben. Aber besonders streicht er die Liebe, welche die Nachfolger untereinander haben, heraus. Diese Liebe ist das Kennzeichen, an dem die anderen Menschen die Nachfolger von Jesus erkennen.

Das finde ich sehr herausfordernd! Einerseits wo es mich unmittelbar betrifft. Hier in der Gemeinde: Wie wir hier miteinander umgehen, das ist für Menschen von ausserhalb ein Erkennungszeichen, ob wir Nachfolger von Jesus sind oder nicht. Kommt jemand zum ersten Mal hier herein, dann sieht er entweder, dass hier Menschen sind, die einander in Liebe begegnen, Wertschätzung zeigen und aufeinander mit Achtung zugehen, auch wenn sie zum Teil ganz unterschiedliche Ansichten und Meinungen haben. Dann denkt er oder sie vielleicht: Ja, doch, diese Menschen gehen gut miteinander um, da muss was dran sein.

Oder aber man begegnet hier Menschen, die einander aus dem Weg gehen, eher kalt und distanziert grüssen, einander nicht achten oder sogar gehässig streiten. Dann denkt er oder sie wohl eher: Nein, das kann es nicht wirklich sein. Die reden zwar ständig von Liebe und so, aber sie schaffen es nicht mal untereinander anständig umzugehen. Das kann nichts schlaues sein.

Gespaltene Kirche

Doch es ist ja nicht nur im kleineren Kreis so, sondern das gilt auch für das viel grössere. Die Christen haben sich schon früh aufgespalten. Schon in der Apostelgeschichte lesen wir von Spannungen zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Die Apostel versuchen diese Spannungen zu lösen. Doch aus der Kirchengeschichte wissen wir, dass schon kurze Zeit später die Heidenchristen mehr Einfluss gewannen und die Judenchristen an den Rand drängten. Danach gab es immer mal wieder Auseinandersetzungen und Spannungen, welche zu Abspaltungen und Trennungen führten.
Um das Jahr 1000 dann kam das grosse Schisma – die Trennung zwischen Ost- und Westkirche (also orthodoxe und römisch-katholische Kirche) mit ihren Folgen bis heute. Rund 500 Jahre später kam dann die Reformation und parallel dazu auch die Entstehung der Freikirchen, zuerst mit den Täufern, später mit vielen weiteren Gruppen.
Laut der «World Christian Encyclopedia» 2001 von der Oxford University gibt es heute über 30'000 christliche Gruppierungen! Doch was sagt das über uns Christen aus?

Hohepriesterliches Gebet

Das passt irgendwie nicht so ganz zu dem, was Jesus sagt:

«Vater, du heiliger Gott, der du mir deine Macht gegeben hast, die Macht deines Namens, bewahre sie durch diese Macht, damit sie eins sind wie wir. […]
Ich bete aber nicht nur für sie, sondern auch für die Menschen, die auf ihr Wort hin an mich glauben werden. Ich bete darum, dass sie alle eins sind – sie in uns, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin. Dann wird die Welt glauben, dass du mich gesandt hast. Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich nun auch ihnen gegeben, damit sie eins sind, so wie wir eins sind. Ich in ihnen und du in mir – so sollen sie zur völligen Einheit gelangen, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und dass sie von dir geliebt sind, wie ich von dir geliebt bin.» 
Johannes 17,11b+20-23 (NGÜ)

Ich finde das einerseits ein wunderbar tröstlicher Text: Jesus betet für uns zum Vater. Er bittet darum, dass wir eins sind. Stell dir das vor: Jesus betet für dich und für mich zum Vater! Der Vater soll dafür sorgen, dass die Nachfolger von Jesus eins sind.
Auf der anderen Seite fordert auch dieser Text heraus: An der Einheit unter den Gläubigen wird die Welt erkennen und auch daran glauben, dass Jesus der vom Vater gesandte Messias ist! Ich frage mich, ob hier auch der Umkehrschluss gilt: Dass da, wo Christen nicht in Einheit leben, dass sie da ein Hindernis für den Glauben sind?

Einheit in Vielfalt

Zu Einheit ist mir noch etwas sehr wichtig. Ich glaube nicht, dass es dabei um eine Art «Einheitskirche» geht, welche die Menschen neu schaffen müssten. Ich glaube nicht, dass alle Kirchen zusammenschmelzen müssten. Ich glaube, dass Unterschiede durchaus bleiben dürfen. So wie Paulus und Petrus auch unterschiedlich waren und unterschiedliche Aufträge von Jesus bekommen haben, so denke ich darf es auch unterschiedliche Kirchen und Denominationen geben, die sich selber nicht verleugnen müssen. Die Frage ist für mich viel mehr, wie gehen diese Kirchen miteinander um? Stehen wir einander bei? Freuen wir uns über die anderen Kirchen? Wie reden wir über sie?

In einem Buch habe ich neulich ein sehr passendes Zitat gefunden. Es war im Zusammenhang mit der Fussball-Champions-League 2020. Im Finale standen sich Bayern München und Paris Saint Germain gegenüber. Bayern gewann. Nach dem Spiel wurde Thomas Müller, FC Bayern, gefragt, weshalb sie gewannen. Er antwortete «Wir streiten uns darum, wer den Fehler des anderen wiedergutmacht. Und wenn du das von aussen siehst, dann hat die Mannschaft einiges richtig gemacht.»
Was wäre wenn wir das als Kirchen, als Christen auch so machen würden? Die Fehler der anderen Kirche wiedergutmachen? Oder der Fehler eines Mitchristen? Nicht von oben herab, sondern als Mannschaft, die gemeinsam für Jesus im Einsatz ist. Wo jeder sich für den anderen einsetzt – nicht die einen machen alle Arbeit und die anderen schauen bloss zu. Und derjenige, der einen Fehler gemacht hat, der steht auch dazu und bittet die Betroffenen um Vergebung.

Ich glaube es gibt aktuell einige Übungsfelder für so einen Umgang miteinander. Wie gehen wir z.B. damit um, wenn ein anderer Nachfolger eine andere Meinung hat? Corona ist noch nicht wirklich vorbei. Und da haben wir selber gemerkt, dass die Meinungen auch unter Nachfolgern von Jesus, in Gemeinden oder auch in Familien sehr unterschiedlich sein können. Wie sind wir da miteinander umgegangen? War oder ist da mein Umgang mit Andersdenkenden von echter Liebe geprägt? Oder gibt es da vielleicht noch Fehler, die man wieder gutmachen müsste?

Oder aktuell der Krieg in der Ukraine. Gelingt es uns da als Christen aus den unterschiedlichen Konfessionen gemeinsam uns für den Frieden einzusetzen? Und gelingt uns das, ohne pauschale Verurteilungen zu machen? Beten wir für die Menschen in der Ukraine – aber beten wir auch für die Menschen in Russland, vielen von ihnen wurde der Krieg genauso aufgezwungen.
Im Anschluss an den Gottesdienst wird es auf dem Hans Küng Platz ein gemeinsames Zeichen für den Frieden geben von der Stadt Sursee und den Kirchen von Sursee. Dazu sind auch wir als Chrischona ausdrücklich eingeladen. Bist du dazu bereit, ein Zeichen für den Frieden zu setzen, zusammen mit anderen Menschen, auch wenn sie einer anderen Kirche angehören oder politisch eine andere Meinung vertreten als du selber?
Wie schauen wir auf die anderen Christen / Kirchen? Gerade auch da, wo Fehler passiert sind, wie zum Beispiel die Missbrauch-Skandale in der (kath.) Kirche oder da, wo mit Randständigen nicht gut umgegangen wurde? Drückt da irgendwo Überheblichkeit durch: «Also bei uns würde sowas nicht passieren!» Oder gar Schadenfreude? Oder macht es uns selber betroffen und versuchen wir, da wo es möglich ist, Fehler wieder gut zu machen?

Ich bin überzeugt: Als Nachfolger von Jesus sind wir von Gott geliebt. Und diese Liebe Gottes sollen wir jedem anderen Nachfolger ebenfalls entgegenbringen. Wo solche Liebe sichtbar wird, da entsteht eine grosse Anziehungskraft, welche andere Menschen fasziniert, neugierig macht und anzieht. Genau das ist es, was die ersten Christen in der Apostelgeschichte erlebt haben und was seither Nachfolger von Jesus immer wieder erlebt haben, wo diese Liebe ganz praktisch gelebt wurde.
Wie sieht das in deinem Leben aus? Prägt dich persönlich diese Liebe?

Amen.

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