Der Menschensohn

Datum: Sonntag, 18. Dezember 2022 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Mk 14,61f

Weihnacht

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr (Lk 2,10f).

Weihnachten ist ein Fest voller Gegensätze: Ist es religiös oder kommerziell? Ist es die Zeit der Ruhe oder des Stresses? Ist es die Zeit der Dunkelheit oder der vielen Lichter? Ist es die Zeit der Gemeinschaft oder die Zeit der Einsamkeit? Irgendwie all das, oder?

Wir feiern, dass Jesus und nicht der Mammon unser Gott ist. Wir feiern, dass Ruhe in unsere Hektik kommt. Wir feiern, dass Licht unsere Dunkelheit durchdringt. Wir feiern, dass die schlimmste Form der Einsamkeit «Gottesferne» von Jesus beseitigt wurde.

An Weihnachten werden wir uns unserer Mängel und was wir in Jesus dennoch haben, besonders bewusst.

Eine Jungfrau wird schwanger werden

Der Heilige Geist wird über dich [Maria] kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. (Lk 1,35)

Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. (Mt 1,20)

Die jungfräuliche Geburt steht im Mittelpunkt der Weihnachtsgeschichte.

Jesus hat eine leibliche Mutter, die mit ihm schwanger wurde und ihn geboren hat, aber keinen leiblichen Vater, der ihn gezeugt hätte. Maria wurde nicht durch Manneskraft schwanger, sondern durch Gottes Kraft. Ihre natürliche Eizelle wurde nicht durch das Eindringen menschlicher Spermien, sondern durch das Durchdringen von Gottes Geist befruchtet. So ist Jesus von Anfang an sowohl von menschlichem natürlichem als auch von göttlichem übernatürlichem Ursprung.

Der Menschensohn

Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende. (Dan 7,13f vgl. 8,15f; Hes 1; Offb 14,14).

Etwa 70-mal nennt sich Jesus Menschensohn. Dieser seltsame Titel bezeugt einerseits, dass Jesus ein Mensch ist und andererseits, dass er Gott ist.

Jesus Christus war vollkommen Gott und vollkommen Mensch in einer Person und wird dies in Ewigkeit bleiben“ (W. Grudem: Biblischen Dogmatik).

Jesus ist nicht halb Mensch und halb Gott. Jesus ist keine Mischform aus Mensch und Gott. Jesus hat nicht eine menschliche und eine göttliche Natur, zwischen denen er je nach Situation wechselt. Jesus ist gleichzeitig 100% Mensch und 100% Gott, aber nicht 200%.

Wer glaubt, dass die menschliche Vernunft die höchste Instanz der Wahrheit ist, wird den Glauben an Jesus bereits hier verwerfen müssen. Das passt nicht in unsere Köpfe, und doch ist es so.

Ganz Gott

Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? (Joh 12,34)

Dieser Menschensohn thront im Himmel über allen Engeln. Er steht und leuchtet wie ein Regenbogen in den Wolken. So erzählt Hesekiel (1,28): „war die Herrlichkeit des HERRN anzusehen“. HERR steht für Jahwe, den Eigennamen Gottes. Daniel (7,10-14) sah in einer Vision jemanden auf dem himmlischen Thron, der uralt war (Gott der Vater). Zu ihm kam einer auf den Wolken, der wie ein Menschensohn aussah. Dieser Menschensohn erhielt alle Macht, alle Ehre und unvergängliche Herrschaft über alle Völker. Es gibt keinen höheren Titel im Himmel als den Menschensohn, und das wussten die Juden. Deshalb widersprachen sie Jesus, als er seinen Tod ankündigte. Wie kann Jesus behaupten, dass der Menschensohn getötet werden wird, wenn er doch der Christus ist, der in Ewigkeit bleibt? Aber gerade, weil Jesus sich Menschensohn nannte, wurde er hingerichtet (Mk 14,61-64).

Die Jünger sahen Jesus auf einer Wolke in den Himmel auffahren (Apg 1,9), genauso wie Daniel, Hesekiel und später Johannes (Offb 14,14) den Menschensohn sahen. Stephanus blickte zum Himmel auf, während er gesteinigt wurde, und sagte: „Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,56)

Eine ausserbiblische Quelle, welche den Juden aber gut bekannt war, ist das Buch Henoch.

Danach ist der Menschensohn ewig und war schon, bevor die Sterne erschaffen wurden. Er ist eine Stütze für die Gerechten, ein Licht für die Nationen, Die Hoffnung für die Bedrängten und der Rächer aller Ungerechtigkeit (Henoch 48,2-10).

All das beansprucht Jesus für sich. Jesus sagt, dass er ewiges Leben hat und schon war, bevor Abraham wurde (Joh 11,25; Joh 8,58). Er ist der Hirte (Joh 10,11) und das Licht der Welt (Joh 8,12). Die Nationen werden auf ihn hoffen (Mt 12,21) und er wird sie in Gerechtigkeit richten (Joh 5,22; 8,16).

Ganz Mensch

Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich an ihm (Mk 6,3)

Jesus war auch ein normaler Mensch. So normal, dass selbst diejenigen, die ihn am besten kannten, nicht akzeptieren konnten, dass er plötzlich auch Wunder vollbrachte.

Er war ihr Bruder, ihr Cousin, ihr Nachbar, ihr Spielkamerad, ihr Arbeitskollege. Sie sahen ihn aufwachsen, wie er pubertierte, körperlich stärker und geistlich reif wurde (Lk 2,52). Er war einer von ihnen. Jesus hatte den gleichen Alltag wie sie, rang mit den gleichen Herausforderungen wie sie, feierte die gleichen Feste wie sie, weinte über Schicksalsschläge wie sie.

Jesus war ganz Mensch. Mit einem Körper wie wir, mit einer körperlichen Einschränkung wie wir: Er wurde müde, hungrig und durstig (Joh 4,6; 19,28; Mt 21,18). Jesus hatte Gefühle wie wir und stand in Versuchung Böses zu tun. Dem zu widerstehen, fiel ihm nicht leichter als uns, dafür war er genauso auf die Hilfe des Heiligen Geistes angewiesen wie wir.

Ganz ohne Sünden

Jesus aber sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn. (Joh 5,19)

Jesus war durch und durch mit dem Heiligen Geist erfüllt, und zwar schon bevor er geboren wurde. Er war ständig und ununterbrochen durch den Geist mit Gott dem Vater verbunden. Durch den Geist wusste er immer, was der Vater von ihm möchte und durch den Heiligen Geist hatte er die Kraft, danach zu leben. Jesus lebte als Mensch, mit all den Schwächen, die auch wir haben, aber nie getrennt vom Vater. Durch denselben Geist, den auch wir durch Jesus empfangen können, überwand er alle Versuchungen, alle Sünden, alle Krankheiten und sogar den Tod.

Doketismus

Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt. (1 Joh 4,2f)

Geprägt von der griechischen Philosophie glauben viele Menschen bis heute noch, dass alles Materielle, also auch unser Körper, niedrig und böse sei. Unser Geist, unsere Vernunft und Logik aber seien rein unverdorben und gut. Ein guter Gott könne also unmöglich einen menschlichen Körper haben, weil dieser nicht gut ist.

Daraus entstand schon bei den ersten Christen eine Irrlehre, wonach Jesus nur scheinbar ein Mensch wurde. Der Doketismus (gr. dokein «dem Schein nach») lehrt, dass der Mensch Jesus nur eine leblose Hülle war, ein seelenloser Körper, ferngesteuert von Gott wie ein Avatar. Demnach ist der Mensch Jesus eine primitive Selbstoffenbarung von Gott und ein ideales Vorbild für uns. Nichts weiter als eine von Gott erfundene Geschichte, ein Puppenspiel, das unsere Vorstellungskraft und Vernunft anspricht.

Nach dem Doketismus gibt es keine Erlösung durch Jesus. Unsere biologische Existenz ist sowieso verloren. Die Geschichte von Jesus könne uns jedoch helfen, unseren Geist selbst zu erlösen

Ganzheitliche Erlösung

Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. (Röm 8,23)

Die Lehre vom Menschensohn ist ganz anders. Jesus will nicht nur einen unverdorbenen Teil von uns, er will uns ganz. Alles an dir, egal wie kaputt es ist, Jesus will es retten, heilen und zum Vater bringen.

Nur weil Jesus ganz Mensch, ganz Gott und ganz ohne Sünde ist, kann er uns erlösen.

Wenn Jesus selbst gesündigt hätte, sich also selbst von Gott getrennt hätte, könnte er uns nicht vergeben und könnte uns nicht in Beziehung zum Vater bringen.
Wenn Jesus Gott, aber kein Mensch wäre, könnte er uns nicht in Beziehung zum Vater bringen, weil er für uns genauso unerreichbar wäre.

Wenn Jesus ein Mensch, aber nicht Gott wäre, könnte er uns nicht mit Gott in Beziehung setzen, weil er kein Recht hätte, uns zu vergeben.

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