Dein Gott ist auch mein Gott

Datum: Sonntag, 23. Januar 2022 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Rut 1,1-19a

Heute geht es um eine wunderbare Bekehrungs-Geschichte. Und des geht darum, dass sich Gott schon von Anfang an nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden zugewandt hat. Es geht um die wunderschöne Geschichte von Rut. Eine Geschichte, die zwar tragisch beginnt, aber mit einem doppelten Happy End schliesst.

Die Situation

Es herrscht eine Hungersnot in Bethlehem – ein Ort, der wörtlich übersetzt «Brothausen» heisst. Das führt dazu, dass Elimelech und seine Frau Noomi fliehen. Wer sich in der Bibel auskennt, dem fällt gleich auf, dass dies nicht die einzige Flucht ist. Schon Abraham und seine Frau oder die Brüder von Josef sind vor Hungersnöten aus Israel geflohen. Und gut 1000 Jahre später flieht ebenfalls ein Mann und seine Frau aus Bethlehem – die beiden heissen Josef und Maria und sie haben einen Sohn namens Jesus. Die letzten beiden fliehen vor der brutalen Gewalt des König Herodes. Das wären aus unserer heutigen Sicht also «echte» Flüchtlinge, die in der Schweiz vermutlich Asyl bekommen würden.

Elimelech und Noomi jedoch würden wir heute als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen. Sie sind weder politisch noch religiös verfolgt. Sie haben «nur» zu wenig zum Leben. Deshalb fliehen sie. Aus dem kurzen Text erfahren wir nicht, ob mit ihnen auch andere aus Bethlehem geflüchtet sind – vielleicht in andere Länder oder Regionen? Vielleicht sind auch nur die Ärmsten der Armen geflüchtet. Das ist ja bis heute so: In einer Krise trifft es immer die Ärmsten am härtesten. Und die Reichen schaffen es, aus der Krise sogar noch Gewinn zu ziehen.

Ich habe gerade diese Woche gelesen, dass die zehn reichsten Männer der Welt ihr Vermögen seit Beginn der Pandemie verdoppelt haben. Deren Vermögen sei von 700 Milliarden auf 1,5 Billionen Dollar angestiegen. Das entspricht einem Zuwachs von 1,3 Milliarden Dollar pro Tag. Insgesamt stieg das Vermögen jener 10 Milliardäre in diesen zwei Jahren noch stärker an, als in den gesamten 14 Jahren zuvor. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass wegen Corona die Weltwirtschaft in den letzten zwei Jahren gelitten hat, dann bedeutet der Gewinn von rund 700 Milliarden Dollar der 10 reichsten Männer zugleich ein Verlust für andere Menschen. Durch die Krise sind nicht nur die Reichsten noch reicher geworden, sondern die Armen wurden noch ärmer.

So ähnlich wird es wohl auch bei Elimelch und Noomi gewesen sein. Und so fliehen sie nach Moab.

Zwischen dem Volk Israel und Moab gab es eine wechselvolle Beziehung. Eigentlich waren die beiden Völker Feinde. Aber ganz so klar war das nicht immer. So hat einige Zeit später auch König David seine Eltern dem Schutz der Moabiter anvertraut. Vermutlich war also zur Zeit von Elimelech die Stimmung zwischen Juda und Moab soweit ok. Das Land ist klimatisch und topographisch ähnlich wie Juda. Also von daher ging es den Moabitern möglicherweise auch nicht so viel besser. Aber Moab lag halt näher als Ägypten. Das mag wohl der Grund für die Flucht nach Moab gewesen sein.

Die beiden flüchten also. Stellen wir uns das mal konkret vor. Sie leiden also an einer Hungersnot. Die Reserven sind aufgebraucht und so fliehen sie. Sie verlassen die vertraute Heimat – und damit auch das verheissene Land mit dem die Versprechen Gottes verknüpft sind – die Freunde und Verwandten, den Schutz der Sippe. Stattdessen ziehen sie in ein Land mit einer anderen Kultur und fremden Göttern, vermutlich auch einer anderen Sprache.

Noomi

Sie kommen dort an und lassen sich nieder. Doch dann passiert die nächste Krise: Elimelech stirbt. Der Text sagt – wie schon bei der Hungersnot – nichts über die Hintergründe, es steht da nichts, dass dies irgendwie als Strafe von Gott anzusehen wäre oder so. Einzig Noomi bezeichnet sich selber als eine Person, welche die «Hand des Herrn getroffen» hat. Doch das ist ihre Sicht, ob Gott das auch so sieht, davon lesen wir nichts.

Zurück bleibt also Noomi und ihre beiden Söhne. Als die alt genug sind, nehmen sich je eine Frau aus dem Volk der Moabiter. Vermutlich ist ihnen keine andere Wahl geblieben – eine Jüdin konnten sie dort wohl schlecht heiraten. Auch ihre Heirat wird nicht kritisiert. Und dann, als hätte Noomi nicht schon genug Not erlitten, sterben auch die beiden Söhne. Offenbar hinterlassen sie keine Söhne, welche dereinst für ihre Grossmutter hätten sorgen können.

Und so steht Noomi nun alleine da. Und das in einer stark patriarchalisch geprägten  Gesellschaft, in der eine Frau alleine nichts zu melden hatte – eine fremde Frau schon gar nicht. Überhaupt sind im Orient Witwen und Waisen mit die gefährdetsten Personen. Sie sind so schutzlos, dass sie von Gott selber geschützt werden müssen. 

Noomis einzige Chance ist die Rückkehr in ihre alte Heimat. Ich denke, dass sie wohl speziell jetzt in dieser endgültigen Krise eine grosse Sehnsucht nach der Heimat gespürt hat. Ausserdem erfährt sie selbst im entfernten Moab, dass sich die Situation in Bethlehem gebessert hat. Was soll sie da noch zurück halten? Und trotz ihren schwierigen Lebenserfahrungen vertraut sie nach wie vor auf ihren Gott. So macht sie sich auf die nicht ungefährliche Reise – als Frau, ohne den Schutz eines Mannes! 

Auf diese Reise begleiten sie ihre beiden Schwiegertöchter. Vermutlich wollen wenigstens sie ihr Schutz und Unterstützung geben. Doch dann – wohl an der Grenze zwischen Moab und Juda – fordert Noomi die beiden Schwiegertöchter auf, umzukehren und in ihrer eigenen Heimat zu bleiben. Zunächst wollen beide bei Noomi bleiben – die Beziehung zwischen Noomi und ihren Schwiegertöchtern muss wohl sehr tief und herzlich sein. Doch nach weiteren deutlichen Worten entschliesst sich Orpa dem vernünftigen Rat von Noomi zu folgen und ihr Glück in ihrer eigenen Heimat zu suchen.

Rut

Anders dagegen Rut. Sie will trotz allem bei Noomi bleiben. Sie gibt ihre Chance auf eine sichere Zukunft auf. Als noch junge Witwe hätte sie durchaus nochmals heiraten können. Ausserdem hätte ihre Verwandtschaft in ihrem Vaterland ihr zur Seite stehen können. All diese Sicherheit gibt sie jedoch auf, zugunsten von Ungewissheit. Zugunsten einer mehr oder weniger fremden Kultur und fremden Religion. Vermutlich haben die beiden Schwiegertöchter durch ihre Männer und ihre Schwiegermutter schon etwas erfahren über die jüdische Kultur und den einen Gott des Volkes Israel. Aber trotzdem war es nicht ihre Kultur und ihr Gott. So hatte ja Noomi den beiden gesagt, sie sollen zu ihrem Volk und zu ihrem Gott umkehren.

Doch Rut reagiert für Noomi überraschend. Rut bittet sie, dass Noomi Rut nicht länger von sich stossen soll:

«Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.» Rut 1,16-17 (Lut17)

Dein Gott ist auch mein Gott bedeutet hier also, dass Rut ihren angestammten Glauben für immer ablegen will und sich dem Gott von Noomi zuwenden will. Wir werden hier also Zeugen von einer echten Umkehr, von einer «Bekehrung», von einer Hinwendung zu dem einen wahren Gott Israels. Rut beschliesst, dass sie von nun an auf den einen Gott vertrauen will – unabhängig von allen Umständen. Bis jetzt hat sie ja kein besonderes Wunder erlebt, nichts grossartiges, was sie zum Gott hingezogen hätte. Die einzigen Zeugen von Gott waren für sie ihr Mann gewesen – der nicht mehr lebt – und ihre Schwiegermutter.

Rut ist hier ein wunderbares Beispiel für selbstlose Liebe. Rut liebt Noomi ganz ohne einen Gewinn davon zu haben. Im Gegenteil, sie gibt sogar ihr bisheriges Leben und ihre Heimat auf zugunsten von Noomi. Hier wird deutlich: Echte Liebe sucht nicht das eigene sondern das Wohl des anderen. Die Geschichte ist hier noch nicht fertig. Das grosse Happy End für Rut und Noomi kommt erst noch. Aber hier verlassen wir die beiden und überlegen uns, was wir denn von Rut lernen können.

Lernen von Rut

Da gibt es einmal die grosse, universelle Linie: Über das einzelne Schicksal von Rut erfahren wir, dass unser Gott ein Gott ist, der allen Menschen Heil bringen will. Er hat sich vor langer Zeit ein Volk als sein Volk erwählt. Aber das bedeutet eben nicht, dass er nur Gott dieses einen Volkes wäre, sondern dass dieses Volk den Auftrag hat, allen Völkern, ja allen Menschen auf dieser Erde zum Segen zu werden. Alle Völker einzuladen in die Beziehung zum lebendigen Gott.

Und dann ist da die ganz individuelle Linie: Rut erfährt in ihrem Leben ganz persönlich, dass sie Zuflucht findet beim Gott Israels! Sie findet eine neue Heimat, eine neue Familie, eine Gemeinschaft, die sich um sie kümmert und vor allem ein Gott, der sich um sie kümmert.

Dabei fällt auf, dass Gott Rut und auch Noomi ganz ohne spektakuläres Wunder führt und versorgt. Da passiert nichts unerklärliches – und doch geschehen für Rut und Noomi doch mehrere Wunder. Sie erleben, dass Gott sich um die Not der beiden Witwen kümmert – auch wenn sie durch schwierige Zeiten hindurch müssen. Sie erfahren, dass Gott zu seinem Ziel kommt. Und das erreicht er auch durch scheinbar unspektakuläres. Das wirklich spektakuläre an der Geschichte von Rut, das erfährt sie selber gar nie. Sie ist nämlich Teil vom Stammbaum von König David und somit auch von Jesus Christus. Sie, die mittellose ausländische Frau wird im Nachhinein höchste Ehre zuteil. Ihre Geschichte wird auch tausende Jahre später noch erzählt. Weshalb? Aus dem einfachen Grund, dass sie bereit war, Gott zu vertrauen. Sie hat alles auf die eine Karte gesetzt. Sie hat ihrer Schwiegermutter eine unglaublich grosse Treue bewiesen – durch schwierigste Umstände hindurch. Und diese Treue zu ihrer Schwiegermutter und auch zu Gott hat er selber belohnt. In ihrem Leben und weit darüber hinaus.

Amen.

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