Beten: Vorm Er zum Du

Datum: Sonntag, 24. Januar 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Psalm 23,4

Je älter ich werde, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass Gebet wie eine Art Gradmesser ist für meine Beziehung zu Gott. Die Art, wie oder wann ich bete, sagt viel darüber aus, welches Bild ich von Gott habe. Und falsche Bilder von Gott, die können sich als echte Hindernisse erweisen in meinem Glauben und dann eben auch in meinen Gebeten. Ich möchte ein paar solcher Hindernisse aufzeigen:

Das Gefühl unwürdig zu sein

So kenne ich zum Beispiel von mir selber dieses Gefühl, dass ich doch eigentlich unwürdig bin, um zu Gott zu beten. Dieses Gefühl kann unterschiedliche Ursachen haben. Bei den einen kann es daran liegen, dass sie selber insgesamt einen eher tiefen Selbstwert haben, sich selber ganz grundsätzlich als unwürdig anschauen. 

Bei anderen kann es eine Art «Lieblingssünde» sein, wenn man erkannt hat, dass man etwas nicht tun sollte, es aber trotzdem immer wieder macht. Dann kommt dieses Gefühl: «Ich kann doch jetzt nicht vor Gott kommen, nachdem was ich getan habe. Ich bin doch ein Heuchler.» Das kann einem dann vom beten abhalten. Doch hinter diesem Gefühl steckt letztlich ein Bild von Gott als Polizist, der nur darauf wartet, dass ich einen Fehler mache, um mich dann zu bestrafen. Aber Gott ist nicht so! In der Bibel lese ich, dass Gott uns liebt. Er will Gemeinschaft mit uns. Er sehnt sich nach uns. Er schaut uns liebevoll an. Und ja, in der Bibel lesen wir auch davon, dass Gott machmal straft. Aber selbst Gottes Strafen kommen letztlich aus seiner Liebe. Oder wie es Ben vor 14 Tagen sehr deutlich gesagt hat: Gott liebt nicht einfach, Gott ist Liebe. Das ist sein Wesen.

Wenn ich wirklich glaube, dass Gott uns liebt, warum sollte er dann plötzlich nichts mehr von mir wissen wollen, nur weil ich gesündigt habe? Genau deswegen ist Jesus Christus ja auf diese Welt gekommen! 

Ich glaube, letztlich ist dieses Gefühl unwürdig zu sein, eine versteckte Art von Stolz: Ich meine dann, ich müsse es zuerst selber im Griff haben, bevor ich zu Gott kommen kann. Aber das ist eine Lüge. Ich darf ja zu Gott kommen, gerade weil ich es nicht im Griff habe. König David hat im Psalm 51 nach einem seiner grössten Fehler überhaupt folgendes gesagt:

«Ein Opfer, das Gott gefällt, ist tiefe Reue; ein zerbrochenes und verzweifeltes Herz wirst du, o Gott, nicht zurückweisen.» Psalm 51,19 (NGÜ)

Das Gefühl mein Gebet komme nur bis zur Zimmerdecke

Manchmal haben wir das Gefühl, dass unser Gebet nicht bis zu Gott durchkommt. Man hat dann das Gefühl, dass das Gebet nur gerade bis zur Zimmerdecke komme. 

Aber da steckt auch ein falsches Bild von Gott dahinter. Gott ist nicht ein ferner Gott, der irgendwo weit weg im Himmel thront und mit dem Feldstecher zu uns Menschen schaut. Die Bibel macht es sehr deutlich: Wenn ein Mensch umkehrt zu Gott und von neuem geboren wird, dann zieht der Heilige Geist in sein Herz ein. Wenn wir glauben, dann ist also Gott in uns. Dann muss unser Gebet keinen langen Weg auf sich nehmen und zum Himmel aufsteigen, dann reicht es, wenn es in unserem Herzen ist.

Das Gefühl Gott habe kein Interesse an Banalitäten

Ein weiteres Hindernis ist es, wenn wir denken, Gott sein nur an den wichtigen Dingen in unserem Leben und nicht an Banalitäten interessiert. Dass ihm unsere ganz alltäglichen Sorgen und Freuden egal seien – schliesslich gibt es ja so viele Menschen auf der Welt und so viele mit wesentlich grösseren Problemen oder auch grösseren Erfolgen. Nur Fakt ist, wenn Gott nicht an unseren «Banalitäten» interessiert wäre, dann wäre er an 90% meines Lebens nicht interessiert. Aber Gott ist voll und ganz an mir interessiert. Der Schöpfer des Universums will wissen, wie es mir geht, was mich heute bewegt. Er interessiert sich sogar für so banale Dinge wie die Anzahl Haare auf meinem Kopf (Mt 10,30). Ist das nicht gewaltig!

Vom ER zum DU

Neulich habe ich mit jemandem übers Gebet gesprochen und wir kamen darauf, dass wir Menschen manchmal das Gefühl haben, wir dürften nicht zu Gott kommen bzw. beten, wenn es uns schlecht geht. Es ist dann so wie ein schlechtes Gewissen: «Ich melde mich ja nur bei Gott, wenn es mir schlecht geht. Und wenn es mir dann wieder gut geht, dann vergesse ich ihn wieder.» Aber ist es wirklich so? 

Spannend finde ich eine Beobachtung in den Psalmen. Wie oft rufen Menschen da gerade in ihrer Not Gott an – und haben offenbar kein schlechtes Gewissen. Oder nehmen wir den Psalm 23. Der wohl bekannteste Psalm beginnt damit, dass David über Gott redet, in der dritten Person: Er führt quasi ein Selbstgespräch, in dem er sich an die Versprechen Gottes erinnert: «Der Herr ist mein Hirte, er weidet mich, er erquicket mich, er führet mich.» Und dann, als er in Not gerät, da wendet er sich direkt an Gott. Im finsteren Tal sagt er: «Du bist bei mir, du tröstest mich.» Wer wechselt vom «Er» zum «Du» oder vom «Selbstgespräch» über Gott hin zum Gebet mit Gott. Das erinnert uns daran, dass wir nicht alleine auf dieser Welt unterwegs sind. Mindestens Gott ist immer mit uns. 

Eins werden 

Die innigste Form von Gemeinschaft zwischen zwei Menschen bezeichnet die Bibel als «eins werden». 

«Deshalb wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sich mit seiner Frau verbinden, und die zwei werden ein Leib sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern sie sind ein Leib.» Matthäus 19:5-6 (NGÜ)

Und die selben Worte braucht Jesus dann auch, um zu beschreiben, dass wir Menschen geschaffen sind, um mit Gott eins zu sein (siehe Johannes 17,20-23). In der Bibel lesen wir, dass in dem Augenblick, wo ein Mensch zu Gott kommt, seine Schuld bekennt und Busse tut, Gott der Vater und sein Sohn Jesus Christus durch den Heiligen Geist in dieses Leben kommen und Wohnung in dem Gläubigen nehmen (Johannes 14,23). Christsein bedeutet also im Grunde, dass Menschen zu Kindern Gottes werden, die eins sind mit ihm. 

Auch das ist etwas, das letztlich mein Verstehen irgendwie übersteigt. Aber wenn ich das in Anspruch nehme, dann bedeutet das auch, dass meine Zukunft nicht mehr abhängig ist von meinen eigenen Gaben, Talenten, von meinem Können oder meiner Intelligenz, sondern allein von Gottes Gegenwart in mir. Dann gibt es nicht mehr einfach «ich» sondern dann ist es «wir».

Nicht «ich sollte beten», sondern «ich darf beten»

Für mich hat sich dadurch meine Motivation beim Beten grundlegend verändert. Lange dachte ich: Als Christ sollte ich doch beten, ich sollte meine Anliegen vor Gott bringen, ich sollte für meine Nächsten Fürbitte tun. Also letztlich etwas leisten, damit Gott dann handelt. Doch mehr und mehr lerne ich: Gott ist da bei mir, nicht weil er mich überwachen will, sondern weil er mich liebt. Er will Zeit mit mir verbringen. Er will, dass ich mich auf ihn ausrichte, mein Leben auf ihn ausrichte, weil dies das beste aus meinem Leben herausholt. Eben, weil er mich liebt, will er das beste für mich. Und beten bedeutet, dass ich mich ganz bewusst in diese liebende Gegenwart von Gott hinein begebe. Ich meine, er ist ja schon längst da. Aber ich mache mir das bewusst. 

Und so fühle ich mich Gott je länger je mehr immer näher beim beten. Ich weiss er ist da, egal ob ich nun irgend etwas «höre» von ihm oder nicht. Er ist da und er schaut mich liebevoll an und will das beste für mich.

Natürlich gibt es auch bewusste Gebetszeiten, wo ich speziell für etwas beten will. Und diese Zeiten die müssen nicht immer ein überwältigendes, gefühlsstarkes Erlebnis sein. Das kann auch ganz unspektakulär in der Art sein: «hey, wir sollten mal reden …». 

Das kann dann zum Beispiel sein, dass du ganz bewusst für Menschen betest, die noch keine persönliche Beziehung zu Jesus haben und die dir am Herz liegen. Oder das kann jetzt bei Life on Stage sein, dass du für den Anlass oder auch für die bevorstehenden Kurse betest, oder für genügend Mitarbeitende. Aktuell läuft z.B. das Casting für die Nebendarsteller für die Musicals. Alle diese Infos findet man übrigens im Newsletter von Life on Stage Zentralschweiz. Einige bekommen den schon per Mail, weil sie sich früher mal dafür angemeldet haben. Einige Exemplare habe ich hinten ausgedruckt zum Mitnehmen. Und auf der Homepage zs.lifeonstage.com kann man unten auf der Startseite den Newsletter abonnieren. Über solche Dinge können wir ganz bewusst mit Gott reden.

Ich meine in zwischenmenschlichen Beziehungen gibt es ja auch Dinge zu bereden, die jetzt nicht besonders spektakulär sind. Aber in eine Beziehung ist es wichtig, dran zu bleiben, auszutauschen, sonst «rostet» die Beziehung ein. Aber ich finde auch, dass eine Beziehung mit der Zeit immer besser wird, wenn man sie regelmässig pflegt. Ich finde, die Ehe mit Marianne ist über die nun schon mehr als zwanzig Jahre hinweg immer besser, tiefer, reicher und vertrauter geworden. Ich liebe Marianne noch viel mehr als vor zwanzig Jahren.

Und genauso geht es mir in der Beziehung zu Gott. Auch nach so vielen Jahren lerne ich ihn immer noch besser und besser kennen und die Beziehung zu ihm wird tiefer, vertrauter und kostbarer. Mir ist nicht ständig bewusst, dass Gott ja immer da bei mir ist, egal ob ich nun grad an ihn denke oder nicht. Noch viel zu oft ist es mir nicht bewusst. Aber das Bewusstsein wächst langsam. Immer häufiger ist mir bewusst, dass ich ja einfach mit ihm reden kann, über alles was halt gerade läuft, was mich grad beschäftigt. Jesus wird mehr und mehr zu einem Freund an meiner Seite. Einer, der so unendlich viel grösser, mächtiger und erhabener ist. Aber einer, der trotzdem an meiner Seite sein will.

Amen.

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